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Der cis-heteronormative weiße Mann, der grundsätzlich immer schuld ist, und die Realität

„Wahrheit ist eine widerliche Arznei; man bleibt lieber krank, ehe man sich entschließt, sie einzunehmen.“                        
August von Kotzebue

 

Die aktuelle Debatte rund um den cis-heteronormativen weißen Mann (Lieblingsfeind derer, die sich selbst gerne als linksintellektuell bezeichnen), der ein furchtbares Patriarchat in der westlichen Welt etabliert hat, ist – für Menschen, die sich kritisch mit der eigenen Lage und der Situation von Frauen weltweit auseinandersetzt – kaum noch zu ertragen.

 

Richtig ist, dass es auch hier im Westen noch viel für eine gut organisierte und an den Realitäten orientierte Frauenbewegung zu tun gäbe. Dennoch bleibt festzuhalten, dass Frauen in dieser angeblich patriarchalen Gesellschaft viel mehr Freiheiten und Rechte haben, als dies in anderen Gesellschaften der Fall ist. Frauen können sich in dieser Gesellschaft weitgehend frei bewegen, ohne Abstriche hinnehmen zu müssen. Wenn sie in einer Ehe leben, die sie für erledigt halten, können sie weggehen und die Scheidung einreichen, ohne von Repressalien bedroht zu werden. In vielen Teilen der Welt hat dieses Recht nur ein Mann – ohne Repressalien, versteht sich. Wenn eine Frau in diesem Teil der Welt das Verlangen nach einem Seitensprung verspürt, wird sie nicht gesteinigt oder ausgepeitscht. Sie darf Autofahren, ohne Angst vor Auspeitschung haben zu müssen. Frauen müssen in dieser Gesellschaft nicht extra eigene Zugabteile für Frauen aufsuchen, weil sie ansonsten massiven Übergriffen ausgesetzt sind. Frauen können Berufe ergreifen und müssen sich keinem demütigenden Jungfrauentest unterziehen. Sie müssen auch nicht jungfräulich in die Ehe gehen, sondern können vor einer Ehe so viel Sex haben, wie sie wollen (und müssen dazu nicht verheiratet sein). Kaum jemand käme hier auf die Idee, eine Frau deswegen mit einer Hure gleichzusetzen. Frauen müssen sich im Kindesalter auch nicht einer Beschneidung unterziehen, damit sie keinen Spaß am Sex finden. Und überhaupt muss sich keine Frau Tücher umhängen und in solche einwickeln, um ihre sexuelle Tugendhaftigkeit und Unverfügbarkeit öffentlich zu zeigen, weil alles andere als nuttig gelten würde. Sie kann heiraten, wen sie will und muss sich keiner Zwangsverheiratung hingeben. Außerdem kann sie auch eine Beziehung mit einer anderen Frau eingehen, ohne Angst haben zu müssen öffentlich gehängt und ausgestellt zu werden. 
Bei einem Übergriff durch einen Mann muss sich in Westeuropa auch keine Frau davor fürchten, dass sie auf einem Polizeirevier zunächst ein weiteres Mal missbraucht wird, weil sie als Frau selber Schuld ist. Auch droht ihr keine Strafe, wie z.B. Auspeitschen oder gar Steinigung, weil sie angeblich Unzucht getrieben hätte und vom Opfer zur Täterin umdefiniert wird.

 

All diese Rechte, die wir hier im Westen genießen, sind keine Selbstverständlichkeit. Sie mussten von mutigen Frauen über Generationen hinweg erkämpft werden. Und sie gelten nur in einem kleinen Teil der Welt. Weltweit gesehen haben Frauen sehr schlechte Karten und all die furchtbaren Dinge, die Frauen in der westlichen Welt fast nur noch vom Hören-Sagen kennen, sind im Rest der Welt bittere Realität. Eine grausame Realität,die aus der linksintellektuellen und feministischen Ecke nicht nur totgeschwiegen, sondern sogar weggeredet werden, schließlich ist der Westen ja so schrecklich und grausam zu seinen Frauen.  

 

An dieser Stelle möchte ich ganz persönlich einwerfen, dass es keinen anderen Ort auf der Welt gibt, an dem ich als Frau leben möchte, weil ich nur unter diesem ach so furchtbaren Patriarchat der cis-heteronormativen weißen Männer mich weitgehend unbeschadet eben und gerade als Frau frei entfalten und selbstbestimmt leben kann.  
Und nun gibt es diese Übergriffe in mehreren deutschen Städten an Silvester – allen voran in Köln. Es sind Übergriffe, die in der jüngeren Geschichte Deutschlands undenkbar und unbekannt waren. Und schon wird aus linksintellektueller Ecke relativiert, was das Zeug hält. Die schwer erkämpften Rechte der Frauen werden über Nacht quasi zur Makulatur. Frauen, die Übergriffen ausgesetzt waren (in Köln liegen derzeit über 650 Anzeigen vor), werden plötzlich weggeredet, beschönigt oder gar verhöhnt.  
Besonders tief griff dabei ein Herr Augstein ins Klo. So twitterte er am 7. Januar:

 

 

Diesen Satz muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Ausgesprochen von einem Mann, der dem selbsternannten linksintellektuellen Lager angehört und ansonsten keine Gelegenheit auslässt, gegen den cis-heteronormativen weißen Mann und sein Patriarchat zu wettern. Es wurde von Frauen berichtet, deren Strümpfe und Unterwäsche zerrissen waren, weil Männer so brutal zugegriffen haben, um mit Fingern in sie einzudringen (was im übrigen den Tatbestand der Vergewaltigung erfüllt). Solche Verharmlosungen wie der Tweet von Augstein sind nichts weiter als der tägliche Sexismus, dem Frauen ausgesetzt sind – oder anders formuliert: Das klassische Instrument des Patriarchats und des cis-heteronoramtiven weißen Mannes schlägt wieder einmal erbarmungslos zu. Damit wird an dieser Stelle brutal aufgezeigt, was Frauenrechte in diesem Zirkel wirklich wert sind: nämlich gar nichts, wenn sie nicht zu eigenen Zwecken für sich ausgenutzt werden können. Herr Augstein hat sich an dieser Stelle zweifelsohne als das erwiesen, was er angeblich so leidenschaftlich bekämpft.

 

In dieses Schema passen auch alle anderen Verharmlosungen, die von der eigentlichen Debatte ablenken sollen – egal ob es sich um’s Oktoberfest oder andere haarsträubende Vergleiche handelt. Man darf eine gewisse Gruppe von Tätern nicht benennen – ansonsten wird zum Instrumentarium des angeblichen Rassismus gegriffen. Dies geht so weit, dass Frauenrechtlerinnen aus dem Lebensraum, in dem Frauenrechte täglich mit den Füßen getreten werden, hier selbst von linken Kreisen angegriffen und diffamiert werden; so geschehen mit Hrsi Ali, Mayram Mamanzie oder auch Seyran Ateş. Wem genau soll das helfen? Auch Frauen aus der nicht westlichen Welt müssen ein Recht auf Frauenrechte haben. Frauenrechte sind kein Privileg weißer westlicher Frauen, sondern müssen überall gelten. Sind es nicht genau die Frauen, die aus Weltgegenden stammen, in denen Frauenrechte eingeschränkt bis gar nicht gelten, die unsere ganze Unterstützung verdient hätten?  

 

Der selbsternannten linksintellektuellen und feministischen Elite kann man in diesem Themenkomplex jedoch nur den Totalausfall attestieren. Und das hat Konsequenzen. Durch das totale Verdrängen von Problemen und der mittlerweile albernen Fixierung auf den cis-heteronormativen weißen Mann und sein angeblich furchtbares Patriarchat in der westlichen Welt werden tatsächliche Probleme systematisch ausgeblendet oder totgeredet. Das vorgeschobene Argument dazu lautet: Man würde sonst die Rechten stark machen. Das ist aber ein schlimmer Trugschluss. Es ist das systematische Ausblenden und Totreden von Problemen, die diese Gruppierung (die kein Mensch, der klaren Verstandes ist, braucht) stark macht.  

 

Dabei wäre es so wichtig, die sich ergebenden Probleme explizit beim Namen zu nennen, um dann eine sachliche, differenzierte Diskussion zu steuern, damit eben nicht diese scheußliche Rechte davon profitieren kann. Oder direkt formuliert: Eingestehen, dass es ein Problem mit einer speziellen Gruppe junger Männer aus dem arabisch-orientalischen Raum gibt. Mit der gleichzeitigen Betonung, dass es sich dabei um eine kleine Gruppe von Migranten handelt und dass die große Gruppe der Migranten eben nicht in Sippenhaft genommen werden darf. Dazu muss das Instrument der differenzierten Diskussionskultur weiterentwickelt und ausgebaut werden. Aber wer genau soll das tun, wenn sich die intellektuelle Elite der Totalverweigerung, dem Schönreden, der Verharmlosung und Ablenkung hingibt? Wie sollen mit dieser Haltung Lösungen erarbeitet werden, wie mit dieser Gruppe junger Männer umzugehen ist?

 

Es ist geradezu lächerlich, wenn Leute mit dem „feministischen Instrumentarium des Schutzraumes“ argumentieren – denn niemand braucht so einen Rückschritt; Frauen am allerwenigsten. Es geht nicht um Schutzräume, sondern darum, dass Frauen sich frei im öffentlichen Raum bewegen können, ohne Übergriffe befürchten zu müssen – um nichts anderes.

 

Und so kommt es, dass am Ende die Rechnung der Diskussionsunfähigkeit Frauen bezahlen – wie die Bemerkung von Augstein so schön unter Beweis stellt. Aber auch dieses unsägliche Ablenkungsmanöver mit dem Oktoberfest trägt das Seine dazu bei. Denn sollte sich an der aktuellen Lage nichts ändern, werden sich Frauen aus den so mühsam erkämpften Freiräumen im öffentlichen Raum zurückziehen – aus Angst und Selbstschutz. Dann aber hat dieser angebliche Feminismus wie er derzeit praktiziert wird – vollkommen versagt und für Frauen das Gegenteil dessen erreicht, was er ursprünglich wollte.
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9 Kommentare zu “Der cis-heteronormative weiße Mann, der grundsätzlich immer schuld ist, und die Realität

  1. Einige vollkommen korrekt als angeblich bezeichnete Strömungen des Feminismus haben glaube ich schon länger das Problem, dass sie eher Nabelschau- und Versorgungsvehikel der Protagonistix sind, als jemals wahrhaftigen Kampf gegen Missstände betrieben zu haben.

    Zu dem Artikel sage ich Amen.

  2. Das Oktoberfest mag jetzt nicht immer als Optimum gelten, aber Anbetracht mehrerer Millionen Besucher sind die Straftaten extrem wenig. Natürlich passiert etwas, aber so wenig das eine jede Frau unbesorgt und alleine und auch ansehnlich gekleidet hin gegen kann ohne das etwas passiert.
    Das gibt es nur in Europaund nur weil Männer und Frauen genau das verteidigen.

  3. „Das vorgeschobene Argument dazu lautet: Man würde sonst die Rechten stark machen. Das ist aber ein schlimmer Trugschluss. Es ist das systematische Ausblenden und Totreden von Problemen, die diese Gruppierung (die kein Mensch, der klaren Verstandes ist, braucht) stark macht.“

    Sehr richtig, völlige Zustimmung. Wobei auch der Begriff „rechts“ inzwischen in „linksintellektuellen“ Kreisen so überstrapaziert wurde, daß er weitgehend ausgehöhlt und dysfunktional geworden ist. Vieles was heute beim kleinsten Aufmucken gegen feministische Dogmen als rechts etikettiert wird, kommt in Wirklichkeit aus der gesellschaftliche Mitte der Leute, die sich einen klaren Verstand und Augenmaß bewahrt haben und die nicht beim kleinsten Anlaß Aufschreie inszenieren. In dieser gesellschaftlichen Mitte hat man sich mit dem selektiven Wahrnehmen und ggf. Totschweigen von Problemen nur unglaubwürdig gemacht.

    „Dabei wäre es so wichtig, die sich ergebenden Probleme explizit beim Namen zu nennen, um dann eine sachliche, differenzierte Diskussion zu steuern“

    Über die Ursachen der „linksintellektuellen“ (was auch immer das ist, marxistisch?? wohl kaum) bzw. feministischen Diskursverweigerung ist schon viel sinniert und geschrieben worden. Eine der mMn besten neueren Beiträge dazu: Palmström: Feminism and Social Constructionism http://palmstroem.blogspot.de/2015/10/feminism-and-social-constructionism.html
    Der Sozialkonstruktivismus stellt im Prinzip alle unsere Grundwerte wie Meinungsfreiheit usw. zur Disposition und ersetzt sie durch ein Kastendenken, „den Guten“ oder wahlweise „den Progressiven“ anzugehören.

  4. Pingback: Angemessenheit von Empörung |

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