Neopuritanismus im feministischen Gewand

 

 

 

„Puritanismus ist die quälende Furcht, dass irgendwer irgendwo glücklich sein könnte.“
Henry Louis Mencken 

 

Eine Frau schafft Kunst – und ihre Kunst wird zensiert, die Ausstellung abgesagt. Ihr Kunstwerk sei sexistisch, schließlich hat sie nackte Frauen, ja sogar deren Geschlechtsteile dargestellt – und das ist hochgradig moralisch verwerflich. 
Was sich nach einem Vorfall aus viktorianischen Zeiten anhört, in denen das Werk einer Künstlerin moralisch beanstandet wird, ist jedoch im November des Jahres 2017 passiert. Und das nicht etwa in einem kleinen, hinterwäldlerischen Kaff im Oberammergau, sondern an der Universität Göttingen. Auf dem Campus sollen sich ‚schließlich alle wohlfühlen‘. Die Universität als Ort des Wohlfühlens und nicht als Ort, an dem Kunst provozieren kann und muss.

 

Das Frauenbild, das an dieser Stelle vertreten wird, erinnert an ein Modell, das spätestens seit Mitte des 20. Jahrhunderts ausgedient hatte. Die Frau als armes, schwaches Geschöpf, dem man nichts zumuten kann, das sofort in Ohnmacht fällt, wenn es mit nackten Tatsachen des eigenen Geschlechts in einem Kunstwerk konfrontiert wird. Die Frau, die vor den Widrigkeiten dieser Welt behütet werden muss, die nichts aushalten kann und im Zweifel auch vor sich selbst in einer ihr feindlich gesinnten Welt geschützt wird. Ein Frauenbild des 18. Jahrhunderts und früher – was für ein Rückschritt in frauenrechtlich dunkle Zeiten. 

 

Noch erstaunlicher wird das Ganze, wenn die Künstlerin sagt, dass ihr Werk eine satirisch-künstlerische Art und Weise ist, die #metoo-Debatte zu verarbeiten. Das wiederum war ein Argument, das die Gleichstellungsbeauftragte nicht nachvollziehen und gelten lassen konnte. Aha. 
Eine Frau hat also in Zukunft Dinge nur noch auf einer künstlerischen Ebene zu verarbeiten, die auf gar keinen Fall provokant sein darf oder gar „Unwohlsein“ hervorruft. An einer Universität. Im 21. Jahrhundert. Was für eine grässliche Rolle rückwärts in längst vergessen geglaubte Zeiten. Und noch schlimmer: Die Universität als Hort des gelebten Spießertums.

 

Aber es kommt noch irrwitziger. So war neulich bei ´Zeit online´ in einem Gastbeitrag zu lesen, dass Frauen sich doch, bitte schön, nicht mehr so aufreizend anziehen sollten. Schminken, weiblich geschnittene Kleidung, womöglich auch noch ein etwas kürzerer Rock und Highheels wären ein Zeichen der unterdrückten Frau. Eine Frau, die sich aufhübscht und sich – laut der Autorin – damit dem patriarchalischen System anpasst, ist in dieser Lesart nichts weiter als eine Komplizin des Patriachats, sexuelle Belästigungen die logische Folge ihrer Aufmachung. In diesen Artikel soll die #metoo-Debatte in eine #OhneMich-Debatte übergehen, in der jedwede Form weiblicher Körperlichkeit negiert wird. Stattdessen sollen Frauen Kleidung tragen, die der männlichen Kleidung vom Schnitt her angepasst ist. Also alles schön gleichgemacht.

 

Ja, in diesem Artikel versteigt sich die Autorin – die sich selbst feministisch nennt – zu der These, dass Frauen sich eben über männliche Aufdringlichkeit nicht wundern müssten, wenn sie enge Hosen tragen würden. Hallo? Wie lange haben Frauen dafür gekämpft, dass Frauen anziehen können, was sie wollen und dass Männer deswegen kein Recht haben, in Wort oder Tat übergriffig zu werden? Was für eine rückwärtsgewandte Argumentation ist das denn? 
Und natürlich wird das Argument, dass Frauen sich für sich selbst aufhübschen könnten, einfach weil sie sich gut fühlen, weil es ihnen Spaß macht oder gar Vergnügen bereitet, in Bausch und Bogen verworfen. Schließlich könne man sich ja nur für andere hübsch machen, denn wenn es niemanden gibt, der das Aufgehübschte wahrnehmen kann, kann man ja nicht hübsch sein. Schrödinger absurd. 

 

Immerhin weist die Autorin am Ende ihres Artikels darauf hin, dass sie natürlich nicht eine Burka für Frauen haben wolle, sondern eben ’nur‘ nicht-körperbetonte, gleichmachende Kleidung für alle. Immerhin. 

 

Dummerweise ist das, was hier als großartiger Fortschritt verkauft werden soll, aber auch nur die mittlerweile altbekannte Rolle rückwärts in Zeiten vor dem 20. Jahrhundert. In den früheren Zeiten hatten Frauen bodenlange Kleider zu tragen, den Oberkörper weitgehend bedeckt zu halten, möglichst keine bunten Farben zu wählen. Wer sich die Kleiderordnungen der letzten 1000 Jahre ansieht, wird feststellen, dass die Kleidung gewöhnlicher Menschen streng geregelt war. (Ausnahmen gab es nur für den Adel, später kamen reiche Kaufleute dazu, danach begehrte das Bürgertum auf und wollte ebenfalls auffälligere Kleidung.) Körperbetonte Kleidung war lange, lange Zeit tabu. Der weibliche Körper sowieso. Frauen haben so lange und so intensiv dafür gekämpft, dass sie die Kleidung tragen dürfen, die sie tragen möchten. Und noch länger dafür, nicht als Schlampen angesehen zu werden, wenn der Rock das Knie freigab und die Hosen immer enger wurden. Und jetzt kommt eine Frau daher, die sich selbst Feministin nennt und verlangt, dass wir eine #OhneMich-Debatte anfangen und all die mühsam erkämpften Rechte wegwerfen. Das soll Feminismus sein? Ernsthaft?

 

Einen Schritt weiter auf diesem Weg ist eine andere Autorin, die in den verhüllten, muslimischen Frauen die wahren Feministinnen sieht. So konnte man das zumindest in einem Artikel der ´Huffington Post´ lesen. Im Islam würde vor allem der weibliche Körper als heiliger Tempel wahrgenommen werden. Nichts würde den Feminismus im Westen derart repräsentieren, wie der Hijab, das Kopftuch der muslimischen Frauen. Schließlich würde man sich damit perfekt den aufdringlichen Blicken der Männer entziehen. Auch hier wird argumentiert, dass aufgehübschte Frauen mehr oder weniger Lustobjekte seien, die den Männern gefallen wollen. Folgerichtig sind es die westlichen Frauen, die vom Patriarchat unterdrückt werden und dass man sich deswegen mit den muslimischen Feministinnen verschwestern sollte

 

Tja, dass die muslimischen Feministinnen genau diese Verhüllungskultur bekämpfen, scheint der Autorin dieses Artikels entgangen zu sein. Auch scheint sie nie davon gehört zu haben, dass es für Frauen in vielen muslimischen Staaten lebensbedrohlich sein kann, sich nicht zu verhüllen, mindestens aber Gefängnis und/oder Peitschenhiebe nach sich zieht. Oder dieser Umstand scheint nicht relevant zu sein. Vermutlich ist es in ihrer Lesart so, dass diese Frauen nur deswegen misshandelt werden müssen, damit sie ja nicht ihre Kleidung frei wählen und damit zu unterdrückten Wesen des westlichen Patriarchats werden. Wie muslimische Frauen, die zwar einen Hijab tragen, allerdings modisch durchgestylt und geschminkt sind, bewertet werden, bleibt bei der Autorin auch außen vor. Es wäre interessant gewesen, wenn sie diesem Umstand erläutert hätte.

 

Dabei wäre eine Verschwisterung mit muslimischen Frauenrechtlerinnen eine wirklich gute Sache. Viele Frauen, insbesondere Journalistinnen in muslimischen Ländern, die für ihre Rechte kämpfen, sitzen im Gefängnis. Allgegenwärtige Sittenwächter wachen darüber, dass Frauen auch garantiert ordnungsgemäß verhüllt sind. Und es sind genau diese Frauen, die all unsere weibliche Solidarität brauchen.

 

Hier in Deutschland wird eine muslimische Frauenrechtlerin mit Morddrohungen überschüttet, weil sie eine liberale Moschee eröffnet hat. Eine Moschee, in der Frauen ohne Kopftuch gleichberechtigt neben Männern beten dürfen und in der Frauen Imam sein können. Ein Projekt, das eigentlich eine breite gesellschaftliche Unterstützung insgesamt erfahren sollte. Aus der feministischen Ecke ist dazu bisher übrigens recht wenig zu vernehmen. Überhaupt haben es muslimische Frauen, die den Islam kritisieren, recht schwer im linken Milieu. Ein Armutzeugnis für die Frauenbewegten, denen Rechte ‚aller Frauen überall‘ am Herzen liegen.

 

Stattdessen werden immer wieder streng islamische Frauen zum Vorbild erklärt. Es drängt sich die Frage auf, wie es so weit kommen konnte. Woher kommt diese extrem betont körper- und lustfeindliche Sicht von Frauen über Frauen im ansonsten aufgeklärten 21. Jahrhundert mitten in Europa und den USA? Wie kann es sein, dass ein derartig reaktionäres, längst überwunden geglaubtes Frauenbild etabliert werden soll? Und das nicht aus der ansonsten ‚üblich-verdächtigen‘ konservativen oder rechten Ecke, sondern aus dem angeblich sonst so progressiv-linken Milieu?

 

Eine Erklärung könnte sein, dass diese Welle des ’neuen Feminismus‘ aus den USA – dem Mutterland des gelebten Puritanismus, einer radikalen Formen eines weitgehend unaufgeklärten fundamentalen Protestantismus – zu uns herüber geschwappt ist. Schon immer tobte in den USA dieser Kampf zwischen bürgerlich-liberalen und christlich-fundamentalen Werten. Dass fundamentale Werte der betonten Körperfeindlichkeit gegenüber dem weiblichen Körper nun Eingang in den Feminismus gefunden haben und als neuester Schrei verkauft werden sollen, ist mehr als nur beängstigend.

 

Jahrhunderte lang wurde in bester manichäischer Tradition jedwede Form des weiblichen Körpers und der weiblichen Sexualität mit brutalsten und grausamsten Mitteln bekämpft. Galt weibliche Sexualität doch als Hort dunkler Sehnsüchte und des Bösen schlechthin. Um so unfassbarer ist es, wenn vorgeblich progressiv-linke Strömungen nun an diese Traditionen wieder anknüpfen wollen und Frauen ihr Frausein absprechen wollen – sei es bei kunstschaffenden Frauen oder im Alltag, in dem sie sich doch wie unauffällige graue Mäuse kleiden oder – ganz radikal – zum Hijab greifen sollen. Eine alte Form der Frauenverhüllung in neuen Kleidern. Das sollen wirklich und wahrhaftig die Aussichten für unsere Töchter sein? Was da so progressiv daherkommt, ist nichts weiter als ein unfassbarer Neopuritanismus im progressiven, neu-feministischen Gewand, der klassische Wolf im Schafspelz. 

 

Dieser Weg kann nur und muss (hoffentlich) eine Sackgasse sein. Und je schneller das erkannt wird, desto schneller können wir uns den tatsächlichen Problemen der Geschlechtergerechtigkeit zuwenden. 

 

 

 

 

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