Der Fall Relotius

                          

 

„Framing bedeutet, einige Aspekte einer wahrgenommenen Realität auszuwählen und sie in einem Text so hervorzuheben, dass eine bestimmte Problemdefinition, kausale Interpretation, moralische Bewertung und / oder Handlungsempfehlung für den beschriebenen Gegenstand gefördert wird.“
                Robert Entman: Framing: Towards a Clarification of a Fractured Paradigm, 1993

Theoretisch ist der Fall Relotius der absolute SuperGAU für den aktuellen Journalismus. Theoretisch müssten sich die Medien in der Berichterstattung und der Aufarbeitung des Themas überschlagen. Doch erstaunlicher Weise ist es dennoch relativ ruhig in der Medienlandschaft. Sicher, hier oder da ist unter der Rubrik Medien oder Artverwandtes der ein oder andere Artikel zum Thema zu finden – aber die Wellen, die die jüngsten Enthüllungen zu besagten Herrn schlagen müssten, bleiben aus. Vielleicht, weil das Problem leider systemimmanent sein könnte, weil es theoretisch jedes Verlagshaus in dieser Intensität treffen könnte.  

Einen Hinweis darauf liefert der durchaus lange Artikel, der derzeit auf Spiegel online zu lesen ist. Dort wird akribisch aufgarbeitet, wie der Fall Relotius zustande kam. Das ist ein großer Pluspunkt, denn eine ehrliche Aufarbeitung ist zunächst einmal der richtige Schritt. Doch beim kritischen Lesen des Textes ist auch zu bemerken, warum es diesen Fall geradezu geben musste und der Autor des Textes, Ullrich Fichtner, scheint sich dessen nicht wirklich bewusst.   

So weist Fichtner darauf hin, dass sich bei Stilen, wie sie Relotius praktizierte, „Schreiben filmisch anfühlen würde“ – von einem „Kino im Kopf“ ist die Rede, dass Redewendungen wie diese bei Preisverleihungen „stehende Redewendungen“ seien. Genau an dieser Stelle fängt es an, wird der Lüge Tür und Tor geöffnet. Offensichtlich geht es in der derzeitigen Form der Reportage darum, beim geneigten Leser ein Kopfkino zu erzeugen – oder anders formuliert – Emotionen zu schüren. Was aber genau bedeutet das eigentlich, wenn journalistische Erzeugnisse gar nicht mehr mit Fakten, sondern mittels Emotionen überzeugen sollen? Eine solche Art des Journalismus kann in letzter Konsequenz gar nicht mehr faktisch sein. Stattdessen geht es um das Erzählen von Geschichten. Das aber ist Auftrag der Literatur, nicht des Journalismus.

 

An dieser Stelle stellt sich die Frage, warum wird Journalismus ausgezeichnet, wenn dieser nicht über Fakten, sondern stattdessen Geschichten erzählen und Emotionen transportieren soll? Geht es womöglich mittlerweile gar nicht mehr darum, Fakten zu transportieren? Und wenn nicht – diese Frage muss an dieser Stelle gestellt werden – was soll denn stellvertretend mit Geschichten transportiert werden?

So passt denn auch die Feststellung, dass es einem Ressortleiter bei dem Lesen eines Artikels nicht um die Frage „Stimmt das auch alles“ sondern um die „Dramaturgie“, um „stimmige Sprachbilder“, „Artikel, die wenig Arbeit machen“ geht. Damit ist der Schwerpunkt der aktuellen Kriterien hinreichend geklärt.  

Hinzu kommen die absolut prekären Umstände, unter denen insbesondere junge Journalisten mittlerweile arbeiten müssen. So wird auch im Fall Relotius beschrieben, wie der junge Mann zunächst auf Honorarbasis arbeiten muss. Sprich, wer nichts Gutes, Ausgezeichnetes leistet, keinen Artikel landet, verdient kein Geld. Entsprechend hoch ist der Druck bei diesen jungen Menschen, Artikel zu liefern, die „so richtig reinhauen“. Offensichtlich hat Relotius das verstanden und nachdem er gute Artikel produziert hat, wurde er zunächst mit einem Grantiehonorar später mit Festanstellung geadelt – aber eben nur, weil er das geliefert hat, was vom Verlagshaus erwünscht war.  

 

An diesem Punkt muss festgehalten werden, dass genau solche Zustände, in dem junge Journalisten gnadenlos einem unfassbaren, existentiellen Wettbewerb ausgeliefert werden, Auswüchse dieser Art begünstigen. Schnell werden die Cleveren unter diesen herausfinden, wie der Narrativ des jeweiligen Verlagshauses aussieht – und ja, sie werden ihn wie gewünscht bedienen, denn nur dann können sie davon ausgehen, dass sie einen Treffer landen und sie ihren Artikel unterbringen können, um damit im wahrsten Sinne des Wortes ihre nächste Mahlzeit finanzieren zu können.

Wenn man aber zunächst einmal dazu erzogen wurde, Artikel zu verfassen, die bestens ins Narrativ des jeweiligen Verlagshauses passen, auch wenn man es mit den Tatsachen dabei nicht ganz so genau nehmen kann, bleibt man dabei. Denn selbst, wenn man eine Festanstellung ergattert oder wenigstens Garantiehonorare beziehen kann, muss man letztlich auf dem Niveau weiterliefern, mit dem man eingestiegen ist. Einen Exit gibt es nicht.

Und von Seiten der Verlagshäuser hat man Ansprüche. Man möchte „Texte, die die Gegenwart auf ein lesbares Format“ schrumpfen, irgendwas mit „großen Linien der Zeitgeschichte“ „Großes menschlich verständlich“ machen – beherrsche man diese Techniken, könne man „Gold spinnen, wie im Märchen“. Nun, eben genau das. Märchen entstehen so. Ansprüche dieser Art stellt man normalerweise an die Literatur – aber eben nicht an journalistische Erzeugnisse. Zumindest sollte man das nicht tun. Der vorliegende Fall lehrt/ zeugt vom Gegenteil.

Und dann kommen Narrativ und Framing des Verlagshauses hinzu. Wer, wie in diesem Falle, Spiegelerzeugnisse liest, weiß, was er bekommt und – das muss man fairerweise hinzufügen – bekommen will. Und so werden die Geschichten entsprechend klischeehaft ausgesponnen. Die Frau, die zu den Hinrichtungen fährt, liest natürlich die Bibel, hat selbstverständlich ein durch und durch zerlesenes Exemplar bei der Hand und trägt brav ein Kreuzchen an ihrer Kette. Der Typ von der Bürgerwehr hat logischerweise die einschlägigen Worte „strength“ und „pride“ auf seine Handrücken tätowiert, der arme kleine Flüchtlingsjunge träumt von Angela Merkel und Traute Lafrenz verdammt die Geschehnisse in Chemnitz. Besser kann man das Narrativ des Verlags nicht wiedergeben und das Herz der einschlägigen Leserschaft für sich gewinnen. Es passte eben alles perfekt, wie der Chefredakteur folgerichtig konstatiert. Es entsteht und es bedient eine politische Märchenwelt.

Es ist somit möglicherweise zu einfach, nur den Verlagshäusern an der derzeitigen Entwicklung den schwarzen Peter unterzuschieben. Es sind eben auch die Leser, die sich nicht mehr mit den einfachen Fakten zufrieden geben wollen. Sie wollen märchenhafte Geschichten lesen, in denen ihr eigenes Weltbild ebenso märchenhaft gespiegelt wird; Geschichten, in denen sie sich quasi wiederfinden können, in denen sie mit dem Protagonisten mitleiden können und in dem der politische Gegner karikaturenhaft grotesk dargestellt wird. Ganz so, wie in den Gute-Nacht-Geschichten, die man in seiner Kindheit vor dem Schlafengehen vorgelesen bekam, wo die große, komplizierte Welt der Erwachsenen in wunderbaren kleinen Geschichten zusammen geschrumpft wurde. Und der Konkurrenzdruck um die derart geneigte und vermeintlich anspruchsvolle Leserschaft ist groß. Möglicherweise zu groß.  

Letztlich ist es eben dieser Gemengelage geschuldet, dass es eben nun zu diesem Auswuchs kommen musste. Und seltsam-klischeehafte Geschichten kann man übrigens nahezu bei allen großen Verlagshäusern finden. Gelten sie doch als Qualitätsmerkmal. Wer weiß, was man alles – bei genauerer Betrachtung – finden würde? Vielleicht ist dies auch ein Grund dafür, warum die Medien diesen Fall – obwohl er eigentlich Erdbeben auslösen müsste (schließlich handelt es sich ja um einen mehrfach ausgezeichneten Autor, dessen Märchen als journalistische Arbeit gewürdigt wurden) – so leise behandeln.  

Traurigerweise kann man sogar schon Vorbereitungen auf Abwehrschlachten beobachten. So war auf Twitter aus nichtSpiegel-Redaktionskreisen zu lesen, dass dies doch nur den falschen in die Hände spielen würde, dass die AfD, die so gerne Geschichten über die sogenannte „Lügenpresse“ in die Welt setzt, dies befeuern würde. Nun, richtig ist, dass die AfD diesen Vorgang garantiert brutalstmöglich ausschlachten wird. Aber die AfD könnte diese Geschichte gar nicht ausschlachten, wenn es sie in dieser Form nicht gäbe – genau dieser Punkt wird ausgeblendet. Es ist ja auch so einfach, eine selbstkritische Auseinandersetzung mit seinem eigenen Gebaren als verantwortlicher Redakteur von vornherein zu ersticken, indem man mit einem Schreckgespenst herumwedelt (vor allem, wenn dieses Schreckgespenst das genaue Gegenteil der ausgegebenen Narrative symbolisiert). Und an dieser Stelle muss klargestellt werden: An diesen journalistischen Zuständen ist nicht diese politische Scheußlichkeit schuld, sondern es sind die narrativsetzenden, framenden Verlagshäuser und ihre entsprechend erwartungsvolle Leserschaft.

Glücklicherweise geht der Spiegel in dieser Hinsicht einen anderen Weg. Er legt die begangenen Betrügereien in einer nie dagewesenen Offenheit dar und schafft Transparenz. Damit – und nur damit – wird der AfD letztendlich das Wasser auf ihren populistischen Mühlen entzogen. 
Noch hilfreicher wäre es, würde man sich wieder auf das „was ist“ fokussieren und nicht auf das, was wünschenswert wäre. Weniger Gefühl, mehr Fakten – auch wenn diese wehtun und nicht in die gesetzten Narrative passen – das würde die Glaubwürdigkeit der Medienlandschaft nachhaltig wiederherstellen.

 

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