EU verbietet Pestizide – doch das reicht nicht

 

 

Jeder möchte die Welt verbessern und jeder könnte es auch, wenn er nur bei sich selber anfangen wollte.
Karl Heinrich Waggerl

Die EU hat heute den Einsatz der Neonikotinoide Clothianidin, Imidacloprid und Thiamethoxam verboten. Diese Substanzen wirken auf das Nervensystem von Insekten ein. Bei Bienen werden dadurch Lernvermögen und Orientierungsfähigkeit eingeschränkt. Deswegen werden sie für das Bienensterben mit verantwortlich gemacht. Deren Verbot ist deswegen ein Schritt in die richtige Richtung. Aber es reicht bei weitem nicht aus.

 

Ein mindestens genauso großes – oder vielleicht sogar noch größeres – Problem ist die Flurbereinigung und Verstädterung. Sicher, man kann es sich jetzt wieder leicht machen und auf die ach so böse Landwirtschaft eindreschen. Allerdings ist es genau diese Landwirtschaft, die uns ein Leben ohne Hunger ermöglicht – ein wahr gewordener Menschheitstraum. Noch die Generation unserer Urgroßeltern hätte dies für eine paradiesische Vorstellung gehalten.

 

Trotz Fehlentwicklungen in der Landwirtschaft kann und wird ein Zurück in eine romantisierte Vergangenheit nicht stattfindenUnd ökologischer Landbau ist hier nicht besser. Das dort zur  Verwendung zugelassene Spinosad wirkt ebenfalls auf das Nervensystem von Insekten ein und wird deswegen als Bienengift der Kategorie ‚Bienengefährlich B1‘ eingestuft. Ökologischer Landbau ist nicht derart ökologisch, wie sich das so manch einer völlig unbedarft vorstellt.

 

Jeder kann im Kleinen seine Umwelt verändern – theoretisch

 

Staat und Gesellschaft werden nicht um einen neuen Entwurf für die industrialisierte Landwirtschaft – egal ob ökologisch oder nicht – herum kommen. 
Natürlich können wir warten, bis die Politik den großen Wurf macht, aber das wird Zeit benötigen –  Zeit, die wir möglicherweise gar nicht nicht mehr haben. Oder wir können selbst tätig werden. Es ist unsere Welt. Und Großes kann manchmal auch durch kleine Schritte von jedermann eingeleitet werden, ohne gleich die große Revolution zu starten. Jeder, wirklich jeder, kann etwas tun. Das kann im Kleinen anfangen – übrigens auch in den urbanisierten Zonen.  

 

Fangen wir einmal in den Vorgärten der Stadtbewohner an. Oft genug mag man keine Arbeit mehr in diese investieren – auch weil man vielleicht keine Zeit dazu hat. Manche wandeln diesen einfach in einen Parkplatz um, weil es keinen anderweitigen Platz mehr gibt.

Ein findiger Stadtbewohner hat es geschafft, einen Kompromiss zu finden: Er baute seinen Vorgarten tatsächlich zu einem Parkplatz um, ließ aber gleichzeitig einen kleinen Streifen frei und bepflanzte diesen mit Lavendel. Hummeln und Wildbienen fahren total darauf ab. So sehr, dass sich im Sommer mitten in der Stadt auf diesen kleinen lila Streifen bis zu 50 kleine und große Brummer gleichzeitig tummeln. In einer Großstadt! Eine pure Augenweide.

Jeder kann in seinem Vorgarten, den er in einen pflegeleichten Steingarten verwandelt hat, kleine Inseln von Wildblumen oder Lavendel einbauen. Diese bedürfen keiner besonderen Pflege und eine kleine Insektentränke (flache Schale mit Kieselsteinen und ein wenig Wasser) passt optisch perfekt hinein. Auch wer einen Balkon hat, kann dort Ähnliches tun. 

Ebenso findet man auf dem Land umsetzbare Beispiele. An einem Wanderweg ließ man auf beiden Seiten des Weges je einen Streifen von ein bis zwei Meter Breite und über mehrere Kilometer einfach Disteln, Brennnesseln und anderes Grün wachsen, das man eher als Unkraut bezeichnen würde. Dort kann man im Sommer hunderte von Schmetterlingen finden: vom Zitronenfalter über Admirale bis hin zum Tagpfauenauge flattert dort einfach alles herum. Hinter dem einen Streifen wird konventionelle Landwirtschaft betrieben, hinter dem anderen befindet sich Wald. Beides kann sehr wohl zusammen gehen.

Auch hilft das Ausbringen von Sämereien, die auf die Bedürfnisse von Bienen oder Schmetterlinge abgestimmt sind. Erhältlich ist dieses Saatgut nahezu überall – sogar in Supermärkten. Jeder von uns kann diese Sämereien für kleines Geld erwerben. Überall in der Stadt und auf dem Land gibt es Brachflächen, auf die man sie großzügig ausbringen kann. Das macht die Welt bunter und hilft Nützlingen wie Bienen und Schmetterlingen. Wenn wir uns erst einmal wieder daran gewöhnt haben, überall Blumen und Gräser – aber eben auch Brennnesseln und Disteln – zu sehen, werden wir das vielleicht auch nie wieder missen wollen. Dann haben Bienen und Schmetterlinge wieder eine echte Chance, sowohl in der Stadt als auch auf dem Land.

Das Wichtigste aber ist, dass wir endlich begreifen, dass alle etwas tun müssen, eben nicht nur der Einzelne und auch nicht nur ausschließlich der Staat. Ja, das wird nicht einfach, bis das auch der Letzte eingesehen hat, dennoch wird es notwendig sein.

Ein Problem: Zunehmende Vermüllung der Städte

Ein damit einhergehendes Problem ist – vor allem in den Städten – eine zunehmende Vermüllung unserer Umgebung. Seit geraumer Zeit ist vermehrt zu beobachten, dass in den Parks mitgebrachter Müll nicht entsorgt wird; Brachflächen – selbst auf kleinen Verkehrsinseln – werden zu wilden Müllkippen umgewandelt. Die Städte wiederum reagieren darauf, indem sie alles gnadenlos niedermähen, damit abgeladener Müll schneller sichtbar und so vermieden wird, dass er Ratten oder Ungeziefer anzieht.

Das mögen auf den ersten Blick unterschiedliche Probleme sein, haben jedoch ähnliche Ursachen.

Die wenigen Mülltonnen, die es in den Stadtparks gibt, sollen sich möglichst unauffällig in die Landschaft integrieren, wodurch sie oft genug schwer zu finden sind. Einmal gefunden sind sie meist derart überfüllt, dass der Müll um sie herum abgeladen wird. Am Ende lässt man den Müll dann gleich dort liegen, wo man saß. Der so dringend benötigte Park wird zur Müllhalde. Dabei wäre die Lösung so einfach: große Mülltonnen gut sichtbar an den Wegen platzieren, darauf hinweisen, dass man vielleicht morgen auch noch einen nicht zugemüllten Park vorfinden möchte und diese Mülltonnen regelmäßig leeren.

In Stadtteilen, in denen direkt in den Wohngegenden Flächen für Sperrmüll ausgewiesen wurden, werden diese derart intensiv genutzt, dass wilde Entsorgung abgenommen hat. Schließlich muss man nicht umständlich irgendwelche Termine ausmachen – und weit schleppen muss man das Zeug auch nicht. Statt dessen wird die Sperrmüllentsorgung bequem gestaltet und der ein oder andere Sammler wird auch immer mal wieder fündig. Wenn weniger (oder gar kein) Müll in den Städten auf Brachflächen landet, müssen die Kommunen weniger aggressiv mähen – damit verbleibt Fläche, auf der Pflanzen wild blühen und zum Insektenparadies werden können.

Viele kleine Schritte, die jeder einzelne von uns gehen kann. Aber nach und nach können wir alle als Gesellschaft Städte und Landschaft ökologischer und nachhaltiger gestalten.

 

 

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