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Was ist was: Der Alltagssexismus – oder: Wie man Kindern Klischees in die Köpfe haut

 

 

„Es gibt zwei grundlegende Wahrheiten über diese Welt: Männer sind klüger als Frauen und die Erde ist eine Scheibe.“

Der Tessloff-Verlag gibt seit vielen Jahren unter dem Titel „WAS IST WAS“ eine Bücherreihe heraus, die Kindern die Welt der Wissenschaften näherbringen soll. Eine insgesamt sehr erfolgreiche Reihe. Selbstverständlich gibt es dazu auch ergänzende DVDs und CDs. Letztere jedoch sind eine unfassbare Zumutung.

Während der eigentliche wissenschaftliche Inhalt in gewohnter Weise kindgerecht im Hörspiel aufgearbeitet ist, sollen drei Figuren die Kinder durch das Hörspiel geleiten. Diese drei Figuren sind ein Junge, ein Mädchen und eine Figur, die sich in alles Mögliche verwandeln kann. Es gibt also einen „Er“, eine „Sie“ und ein „Es“. Ein Konzept, das sicherlich durchaus interessant sein könnte. Aber dummerweise haben die Macher der Hörspiele auf ein Konzept zurückgegriffen, bei dem allenfalls die 50er Jahre anrufen und ihr Hörspiel zurückhaben möchten.

Das Mädchen namens Tess will unbedingt Popstar werden, mit genau gar keinem Talent und ist von unglaublicher Dummheit geprägt. Sie ist so dumm, dass sie nicht einmal bemerkt, dass sie nicht nur kein Talent hat, sondern ihre Gesangsdarbietungen eine unglaubliche Zumutung für jeden Zuhörer sind. Sie ist diejenige, die aufgeregt bis hysterisch Fragen stellt und in völliger Ahnungslosigkeit nervensägend durch die Welt tappt. Der Junge, Theo genannt, ist hingegen klug und belesen und derjenige, der der armen, dummen Tess in überlegener Ruhe immer wieder aufs Neue die Welt erklären muss. 
Welches Mädchen, das sich die Welt über diese Hörspiele erklären lassen möchte, sollte sich mit dieser nervenden Kreischröhre identifizieren können? Somit ist die Zielgruppe klar definiert: Die Hörspiele richten sich ausschließlich an Jungs, die auch mit dem – natürlich weiblichen – Dummchen souverän umgehen sollen. Ihnen wird damit ein Klischee vermittelt, dass jeder gebildeten Frau vor Entsetzen die Schuhe ausziehen muss. 

Bleibt am Ende, sich zu fragen: Warum greift ein Verlag, der sich der Bildung der Kinder verschrieben hat, derart tief in die Klischee-Kiste einer Zeit, die lange der Vergangenheit angehören sollte und zementiert bereits im Kinderzimmer ein Frauenbild, das man allenfalls als der Vergangenheit angehörend bezeichnen kann?

Dies ist im Übrigen nur ein Beispiel der alltäglichen Ausgrenzung einer Gruppe aufgrund des Geschlechts, der Mädchen schon im Kindesalter ausgesetzt sind. Als weiteres Beispiel sei an dieser Stelle das allgemein beliebte Spielzeug Lego erwähnt. Die Grundbausteine – klar – sind absolut geschlechtsneutral. Insofern ist dieses Spielzeug ein wirklich großartiger Klassiker. Verlässt man jedoch die Ebene der Grundbausteine, findet man ein grausiges, auf Geschlechterrollen basierendes Weltbild vor. Ritter, Wikinger etc. richten sich in ihrem Design klar an Jungs. Für Mädchen hingegen gibt es supersüße rosa Elfen oder ähnlichen Kram. Die wirklich interessanten technischen Dinge (Lego Technik) richten sich dann ausschließlich nur noch an eine männliche Kundschaft. 

In diversen Studien wird immer wieder beklagt, dass Mädchen sich bereits in den Schulen kaum für MINT-Fächer interessieren würden. Aha. Aber warum sollten sie das auch tun, wenn sie bereits (selbst wenn sie an diesen Fächern interessiert sind) in den Kinderzimmern von Spielzeugen und Bildungsangeboten als dumme, kreischige, auf rosa Welten fixierte Wesen behandelt werden, während Jungs die sachlichen, klugen Kids sind, die abgefahrene Technik in die Hand bekommen?

So lernen Mädchen nur eins: Technik und Wissenschaften (sowie die dazugehörigen Schulfächer) sind etwas für Jungs – und nur für diese. Für sie bleiben nur der rosa Plüsch und Träume vom Popstar-Dasein.

Es ist diese Rollenzuweisung, die nach wie vor als Dauerberieselung in die Kinderköpfe gehämmert wird, die letztlich nach wie vor dafür sorgt, dass Frauen nicht nur in den technisch-naturwissenschaftlichen Zweigen massiv benachteiligt werden. Dieser Umstand prägt das Frauenbild offensichtlich immer noch massiv gesamtgesellschaftlich und leider nachhaltig. Und bei diesen Bildungsangeboten, die nichts anderes tun, als uralte Rollenklischees schon in den Kinderzimmern festzuzementieren, wird sich das auch so schnell nicht ändern. 

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3 Kommentare zu “Was ist was: Der Alltagssexismus – oder: Wie man Kindern Klischees in die Köpfe haut

  1. „Die wirklich interessanten technischen Dinge (Lego Technik) richten sich dann ausschließlich nur noch an eine männliche Kundschaft. “

    Wie äußert sich das?
    Habe als Kind vieeeel mit Lego Technik gebaut, und da gabs halt Bagger, Autos, etc. Können doch auch Mädchen mit spielen, oder? Bei meiner Ritterburg gabs übrigens auch Hofdamen.
    Und Lego hat doch schon längst auf genau diese Kritik reagiert:
    http://blogs.scientificamerican.com/voices/lego-adds-more-women-in-science-to-its-lineup/
    Die rosa Märchenwelt gibts natürlich trotzdem noch, klar. Verkauft sich vermutlich ganz gut.
    Ich denke hier sind auch die Eltern in der Pflicht, nicht nur die Spielwarenhersteller. Deren Ziel ist nun mal, Produkte zu verkaufen, nicht Erziehungsarbeit zu leisten.

  2. Die Erfindung des Mädchen – Legos basiert auf Marktumfragen und die Verkaufszahlen sprechen für sich. Lego Friends und Elves sind Verkaufsrenner – und das nicht nur bei Mädchen 😉

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