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Behüten, weil Freiheit gefährlich ist? – Oder: Die Angst vor der Freiheit des Behüteten

 

Die Übel der Zivilisation sind darauf zurückzuführen, dass kein Kind sich jemals richtig ausspielen konnte.

                                                                                                  Alexander S. Neill

Am Freitag wurde im Bundestag die Vorratsdatenspeicherung beschlossen. Interessanterweise hatte ich am selben Tag ein erzieherisches Problem, das mich nach einigem Nachdenken seltsame Parallelen erkennen ließ.

Meine Tochter wollte an diesem Tag alleine zum Sport gehen. Als sie mich beim Mittagessen fragte, ob sie allein gehen dürfte, wich ich zunächst mit einem „Schau’n wir mal“ der Frage aus.  

Nun ist die Sporthalle nicht sehr weit entfernt, ein Fußweg von guten zehn Minuten. Übermäßig viel Verkehr gibt es auch nicht, die Kreuzung ist mit einer Ampel gesichert und die anderen beiden Straßen jeweils mit einem Zebrastreifen. Alles in allem ein recht sicherer Weg für eine Großstadt. Dennoch war ich mir nicht sicher, ob ich das so wollen würde. Was nicht trotzdem alles auf diesem Weg passieren könnte. Der Gedanke hatte etwas Beunruhigendes. Dabei wurde mir bewusst, dass es meine Angst ist und nicht die meines Kindes.   

Aber was würde es für meine Tocher bedeuten, wenn ich ihr diesen Weg nicht zutraue, weil ihr „Gott-weiß-was“ passieren könnte? Wie wird es sich auswirken, wenn ich ihr den Eindruck vermittle, dass die Welt da draußen eine bösartige ist, in der sie sich auf gar keinen Fall alleine bewegen darf? Was passiert, wenn meine Angst und meine Sorgen um sie bei ihr zu einer Angst vor der Welt werden?

Auf einmal wurde mir bewusst, dass es viel einfacher ist, sein Kind zu helikoptern, jeden Schritt zu beobachten, damit auch nichts Schlimmes passiert, zu behüten und zu beschützen. Aus Liebe. Und Fürsorgepflicht. Es ist viel einfacher, als loszulassen –  und sei es nur für den Weg zum Sport.

Mein Verstand sagt mir, dass die statistische Wahrscheinlichkeit eines drohenden Übels enorm gering ist. Aber Rationalität ist nicht unbedingt so eingängig wie die emotional gefühlte Angst ums Kind – auch wenn sich das ein wenig albern anhören mag. Allerdings ist mir durchaus bewusst, dass Angst kein guter Ratgeber ist, wenn eine rationale Entscheidung ansteht. Außerdem möchte ich meine Tochter so erziehen, dass sie später eine selbstbewusste junge Frau wird, die sich selbstständig in der Welt zurechtfinden kann – eine Welt, von der sie weiß, dass sie eigentlich gut ist, aber in der dennoch Gefahren lauern können – eine Welt, in der sie Verantwortung für sich selbst übernehmen kann und muss. Gefahren erkennen kann man aber nur, wenn man um diese weiß und Verantwortung kann man auch nur dann für sich übernehmen, wenn man dies gelernt hat. Selbstständig werden gehört nun einmal zum Erwachsenwerden. Es muss erlernt werden und das kann nur geschehen, wenn der dazu notwendige Freiraum zur Verfügung steht. Eltern müssen im Gegenzug lernen, loszulassen, Freiräume zu gewähren und die Kinder zum Selbstständig-werden ermutigen. Das fällt schwer. Sehr schwer.

Das war die Situation. Ich habe mich entschieden, mein Kind gehen zu lassen. So ganz allein. Als ich das meiner Tochter mitteilte, war sie sehr zufrieden, bat mich aber gleichzeitig, dass ich sie doch bitte abholen möchte und zog los. Und ja, ich hatte dieses mulmige Gefühl in der Magengegend. Am Ende war es in Wirklichkeit so, dass ich es war, die stark sein musste.   

Als ich meine Tochter vom Sport abgeholt habe, war sie absolut stolz auf sich und erzählte mir, dass sie über die Ampel und den Zebrastreifen gegangen war und überhaupt alles gut war. In diesem Augenblick war mir klar, dass ich die richtige Entscheidung getroffen habe. Meine Tochter ist an diesem Freitag ein Stück selbstständiger geworden, weil sie etwas machen kann – allein; weil ich ihr zutraue, dass sie das kann und sie dabei nicht bewacht, überwacht und beobachtet werden muss. Das ist gut. Nächste Woche steht sicherlich das Thema wieder an. Und wenn sie mag, darf sie wieder alleine gehen. Mir wird wieder mulmig sein, aber sie wird an dieser Selbstständigkeit wachsen. Das ist wichtig, darauf kommt es letztlich an.

Warum mich das Ganze an die Vorratsdatenspeicherung (VDS) erinnert? Nun, dieses unselige Monster überwacht uns alle. Ich bin mir sicher, dass viele Politiker, die dieses Monstrum verabschiedet haben, ganz fest der Überzeugung sind, sie würden damit die Menschen schützen, indem sie alles Mögliche an Datenverkehr beobachten lassen. Das Dumme ist, dass wir damit unsere Freiheit und am Ende auch unsere Selbstständigkeit verlieren werden. Wenn es nur noch wichtig ist, vom Staat beschützt und behütet zu werden, wie soll man sich dann noch eigenständig entwickeln? Wenn man vor allem und jedem, was nicht beobachtet wird, plötzlich Angst bekommt, weil Unbeobachtet, Unüberwacht gefährlich sein muss? Die VDS ist schließlich nur ein Teil eines riesigen Gesamtüberwachungspaketes, welches in den nächsten Jahren verstärkt ausgebaut werden wird.  

Wie wird sich eine Gesellschaft entwickeln, die permanent behütet und überwacht wird? Wie viel Selbstständigkeit wird uns als Gesellschaft bleiben, wenn der Staat eigentlich eh schon alles über uns weiß? Wie selbstbewusst werden wir sowohl als Gesellschaft als auch als Individuum dem Staat gegenüber auftreten können, wenn wir Tag für Tag in einem behüteten Kinderstatus gehalten werden? Und wie werden wir mit unseren Ängsten umgehen, wenn wir nie lernen, sie zu bändigen? Wie werden Menschen sein, wenn der Staat seine Bürger wie Mündel behandelt und helikoptert?
Eine Gesellschaft, die aus selbstbewussten und selbstverantwortlichen Menschen bestehen soll, kann immer nur eine freie sein. 
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Ein Kommentar zu “Behüten, weil Freiheit gefährlich ist? – Oder: Die Angst vor der Freiheit des Behüteten

  1. Ich habe meine Kinder nie überbehütet (5 und 13) und ich kann deine Ängste bezüglich der „Freilassung“ der Kinder sehr gut nachempfinden. Recht früh habe ich beide Kinder darüber aufgeklärt (altersentsprechend), dass es Menschen gibt, die Kindern Böses wollen. Dass man niemals, unter keinen Umständen, in fremde Autos einsteigen darf. Ich habe es immer und immer wieder in Rollenspielen geübt.
    Trotzdem habe ich ihnen keine Angst vor der schlimmen Welt gemacht, aber dieses Verständnis für gefährliche Situationen war für mich sehr wichtig, um sie dann auch so viel wie möglich allein machen lassen zu können.
    Der Sohn arbeitet schon seit er 3 ist mit Werkzeug – echtes Werkzeug. Er besitzt für draußen einen Hammer, eine Säge, Zange und Gartenschere. Und wenn er sich mal ein wenig verletzt hat, wusste er, wie er es beim nächsten Mal besser machen kann.
    Meine Tochter habe ich nie vom klettern abgehalten – sie war immer am weitesten oben und hat sich so manches Mal die Hosen zerrissen.
    Ich glaube, glückliche und sorglose Kinder können nur dann wirklich aufblühen, wenn man ihnen immer wieder zeigt, dass man ihnen alles zutraut.
    Tränen gehören zum großwerden dazu – die Hauptsachen ist doch, dass sie immer jemanden haben ,der sie tröstet. Und der sie dann wieder motiviert, es noch einmal zu versuchen 🙂

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