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Das Schweigen der Feministinnen

 

Der Kummer, der nicht spricht, nagt leise an dem Herzen, bis es bricht.

William Shakespeare

 

 

Ein Mann erklärt einer Frau, dass er sie schön findet. Diese Frau findet eine solche Bemerkung unangemessen, ist gut positioniert und weiß ihre Empörung zu kommunizieren. Prompt geht ein Aufschrei der Empörung durch die sozialen Medien, die Presse greift das Thema auf und pflastert ihre Webseiten mit entsprechenden Artikeln dazu voll. Was für ein schrecklicher Sexismus das doch ist – die sogenannten Netzfeministinnen laufen zur Höchstform auf.  

 

Der neue gewählte Bundestag tritt zum ersten Mal zusammen. Es sind weniger Frauen vertreten als im letzten (1). Sofort rollt eine weitere Welle der Empörung durch die sozialen Medien, wieder springt die Presse und pflastert ihre Webseiten mit passenden Artikeln voll – was für ein Rückschritt für die Gleichberechtigung der Frau das doch wäre.

 

Und vielleicht stimmt es sogar. Vielleicht haben wir in der Tat ein Sexismusproblem, wenn ein Mann eine Frau schön findet und so dreist ist, ihr das zu sagen; und vielleicht gibt es tatsächlich ein Gleichstellungsproblem, wenn weniger Frauen im neuen Bundestag vertreten sind als zuvor. Aber:

 

Eine Frau geht joggen. Sie wird von sieben (!) Männern überfallen. Sie wird geschlagen. Sie wird getreten. Brutal. So brutal, dass sie schwer verletzt ins Krankenhaus eingeliefert wird. Schweigen. Kein Ton der Empörung. Nichts. Gar nichts.  
Das muss man sich einmal auf der Zunge zergehen lassen. Eine Frau wird einfach so überfallen, geschlagen, getreten, krankenhausreif geprügelt, von sieben ausgewachsenen Männern und es wird von den sonst so wortgewaltigen Netzfeministinnen – die normalerweise auf jeden männlichen Ausfall reagieren – ignoriert. Wie kann das sein? Da fragt man sich schon nach den Maßstäben.  

 

Liegt es vielleicht daran, dass die Frau kein Star, keine Journalistin, keine Politikerin oder sonstiger weiblicher VIP ist, sondern „nur“ eine ganz normale, durchschnittliche Frau, die keine Lobby für sich beanspruchen und ihr Anliegen lautstark und nachhaltig kommunizieren kann? Ist die körperliche Unversehrtheit und Integrität einer ganz normalen Durchschnittsfrau weniger wert als die von – nun sagen wir einmal – etablierten Frauen? Und wenn ja, warum?  

 

Oder liegt es etwa daran, dass die Täter keine alten, weißen Männer sind, sondern stattdessen junge Burschen nicht-deutscher Herkunft? Und wenn ja, stellt sich die Frage nach dem Warum. Ist das brutale Zusammenschlagen einer Frau von Männern etwa weniger toxisch als die Aussage, dass ein Mann eine Frau schön findet?

 

So oder so, es ist entlarvend, wie verlogen dieser sogenannte Netzfeminismus in Wirklichkeit ist. Er ist eine zutiefst elitäre Angelegenheit, die sich ausschließlich um den zusätzlichen Machtgewinn von Frauen dreht, die bereits gut positioniert sind. Gut genug, um sich wortgewaltig Aufmerksamkeit zu verschaffen und zu sichern und deren Hauptfeind der alte, weiße Mann ist. Gewöhnliche Frauen, die Opfer von brutalster, archaischer Gewalt werden, bekommen keine Welle der Solidarität. Stattdessen werden sie schimpflichst allein gelassen.

 

Die alltägliche Gewalt gegen ganz normale Frauen, die sich vermehrt Bahn bricht (2), scheint nicht das Problem dieser Feministinnen zu sein. Schließlich kann man sich damit keine neuen Pfründe sichern. Und genau an dieser Stelle entlarvt sich dieser neue Netzfeminismus als das, was er ist: es ist kein Feminismus, zumindest nicht im Sinne der Frauenrechte. Denn das grundsätzliche Recht der Frau auf körperliche Unversehrtheit in der Öffentlichkeit, ein absolutes Basisrecht, ohne das nichts geht, wird von diesen Feministinnen mit Füßen getreten – und genau das ist ein unfassbarer Skandal. Wenn sich Frauen nicht mehr in der Öffentlichkeit bewegen können, ohne Angst davor haben zu müssen, Opfer männlicher Gewalt zu werden, dann läuft in dieser Gesellschaft ganz grundsätzlich etwas falsch und diese, für Frauen zuvor sehr freie und offene Gesellschaft droht zu verschwinden.  

 

Es wird Zeit, dieses Schweigen zu durchbrechen. Diese Gesellschaft kann es nicht hinnehmen, dass Frauen durch zunehmende männliche Gewalt aus der Öffentlichkeit verdrängt werden. Es wird Zeit, dass wir diesen Frauen die ganze weibliche und auch gesamtgesellschaftliche Solidarität zukommen lassen, die sie verdienen. Es wird Zeit, dass diese im wahrsten Sinne des Wortes toxische Brutalität angeprangert und benannt und entsprechend geächtet wird. Ansonsten wird sich dieses Land in gesellschaftliche Richtungen entwickeln, die sich wirklich niemand wünschen kann.

 

(1) Das war eigentlich bereits bei der Listenaufstellung absehbar. Offenbar brauchten jedoch einige Leute ein wenig länger, um den Mangel an Frauen zu kapieren. Somit ist diese extrem verspätete Empörungswelle geradezu lachhaft. Diese hätte bereits bei den Listenaufstellungen erfolgen müssen. Aber dazu bedarf es natürlich der Weitsichtigkeit.
(2) Es ist ja nicht der erste Überfall auf eine Joggerin. Beklemmenderweise scheinen diese in letzter Zeit gehäuft aufzutreten.

 

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15 Kommentare zu “Das Schweigen der Feministinnen

  1. Der moderne Feminismus, genauer: intersektional, antirassistisch, scheint mir wunderbar kompatibel mit den Bereicherungen, die wir grundgesetzlich hinzunehmen haben. Sagen u.a. Feministinnen.

    Das Ergebnis wird uns natürlich so 100 bis 200 Jahre zurückwerfen. Männer und Frauen begegnen sich nur noch unter Ausfsicht, zumindest in Grosstädten kann Frau nicht mehr alleine unterwegs sein. Und da jeder Blick bereits sexistisch gedeutet werden muss, kehren wir zu prä-arrangierten Ehen zurück. Sex erst nach der Ehe.

    Mich amüsiert das. Ich bin alt genug, um von den Auswirkungen nicht mehr betroffen zu sein. Und dumm genug, um den Feministinnen der achtziger geglaubt zu haben: Frauen in der Gesellschaft zu befähigen, sich selbst als starke Erwachsene zu behandeln und eigenständig ihren Weg zu gehen. Inklusive der notwendigen Änderungen der Gesellschaft.

    Feministinnen von heute haben entschieden, Antirassismus den Vorzug vor Emazipation zu geben. Zur Kenntnis genommen. Mit einem zynischen Grinsen.

    Gruss,
    Thorsten Haupts

  2. Gut!

    Ich möchte anmerken, dass das auch Recht auf Körperliche Unversehrtheit für Männer diesen Feminitinnen vollkommen gleichgültig ist.

  3. Hi Drachenrose,
    Dass du den verbalen Sexismus im Alltag und den niedrigen Frauenanteil im Bundestag in einen Gegensatz stellst zu Straßengewalt gegen Frauen und Vergewaltigungen, finde ich nicht in Ordnung. Beides sind doch zwei Seiten derselben Medaille. Sie sind Ausdruck einer ausgeprägten chauvinistischen Haltung bei vielen Männern aus allen Gesellschaftsschichten. Das fängt bei Fußball-Hooligans an und hört bei sich allmächtig und unangreifbar fühlenden Top-Managern und Politikern auf.
    Den „Aufschrei“ der Frauen, denen die harmloseren Varianten dieser Haltung widerfahren kleinzureden oder gar zu verunglimpfen, hilft den Opfern der wirklich schlimmen Taten nicht. Im Gegenteil, sie gehen dadurch hinter dem ganzen „Anti-Feminismus“-Getöse vollends unter.
    Sexismus ist in jeder Form schlecht! Ob es das unangemessene Kompliment des Chefs gegenüber seiner Assistentin ist, die geringe Berücksichtigung von Frauen auf den Landeslisten der Parteien, die blöden Sprüche von pöbelnden Jugendlichen in der S-Bahn, die genauso blöden Sprüche eines Donald Trump, die handgreiflichen Belästigungen auf dem Oktoberfest, oder der wie selbstverständlich gewaltsam erzwungene Sex im Studentenheim oder nachts im Park. Da darf man nichts relativieren oder gegeneinander ausspielen. Das muss alles auf schärfste verurteilt und bekämpft werden.
    Feminismus ist für mich eine selbstverständliche Geisteshaltung, wenn man von der Gleichheit aller Menschen überzeugt ist, denn es bedeutet nicht mehr und nicht weniger, als den Kampf dafür, dass Frauen in keinster Weise anders behandelt werden als Männer.
    hataibu

  4. tl;dr
    Mitgefühl misst sich nicht an der Anzahl erscheinender Artikel.

    long read:
    Der Grund, warum der Fall der joggenden Frau medial nicht so präsent ist, ist der, dass es absolut keinen gibt, der sich hier auf die Seite der Täter stellt. Es ist vom linken bis zum rechten Spektrum Konsens, dass dem Opfer Mitgefühl und den Tätern eine Strafe gebührt. Daher ist hier kein Raum für eine Debatte.

    Beim Fall „Frauen im Bundestag“ und „Komplimente für Frauen“ ist durchaus Raum für eine Debatte. Kann man den Männern im Bundestag vorwerfen, dass sie gewählt wurden? Sind Komplimente wirklich immer positiv?
    Deswegen werden diese Fälle auch viel heißer diskutiert als die von dir geschilderte Fall.

    Antje Schrupp (glaube ich) hat das mal am Beispiel von Flüchtlingen (glaube ich) sehr schön erklärt, aber den Artikel habe ich in den Untiefen des Internets nicht wiederfinden können.

    • Die Boten der Nachricht sind schuld? Oho!
      Die ‚Steilvorlagen‘ liefern die Verursacherinnen: die Genderfeministinnen, freiwillig und permanent.

  5. Wo ist das Problem, wenn Alkoholiker Bock haben, in ein Parlament gewählt zu werden, während Teetrinker auf diese Abwechslung gerne verzichten? – Überhaupt finde ich den steten Blick zwischen die Beine von Menschen, um sie nach Graden ihrer vermeintlichen Benachteiligungen zu kategorisieren, als wahnhaft.

  6. Ich weiß nicht wie lange es noch dauern wird, aber ich vermute, dass ein guter Umgang zwischen den Menschen erst dann möglich ist, wenn Frauen sich wie Frauen benehmen und Männer sich wie Männer benehmen. Ich bin ein Mann. Ich benehme mich wie ein Mann. Viele Frauen benehmen sich wie Männer ohne Männer zu sein. Das halte ich nicht für besonders schlau. Aber ich muss Euch die Welt nicht erklären – die Welt erklärt sich ständig selbst. Nur die Menschen hören nicht oft nicht gut zu, wenn sich die Welt erklärt.

  7. Das oben Gesagte gilt auch für Männer. Wenn Männer keine eigene Meinung haben und sich dem Druck der Masse beugen, werden sie sich nicht mehr wie Männer benehmen. Ich rate beiden (Männern und Frauen) sich eine eigene Meinung zu leisten und sich nicht dem Diktat der Dummheit zu unterwerfen. Liebe ist der Weg.

  8. „Denn das grundsätzliche Recht der Frau auf körperliche Unversehrtheit in der Öffentlichkeit, ein absolutes Basisrecht, ohne das nichts geht, wird von diesen Feministinnen mit Füßen getreten – und genau das ist ein unfassbarer Skandal.“

    Gibt es so ein Grundrecht auch für Männer? Anscheinend nicht, denn gerade im öffentlichen Raum werden Männer 4x häufiger Opfer von Gewalt und ich sehe nicht das es da irgendein größeres Interesse gibt, das zu ändern. Da scheint es wichtiger Frauen auf Twitter zu schützen…

    • Ich will Sie ja nicht ärgern, aber – das ist nicht Aufgabe der Feministinnen? Wenn Sie das stört, schliessen Sie sich ner Männerrechtsgruppe an. Ich jedenfalls erwarte von einer Tierschutzgruppe auch nicht, sich gleichzeitig für sicherere Autos einmzusetzen.

      TL;DR: Selber machen, wenn einen was stört.

      • Wo schreibe ich was von Feministen? Ich wundere mich nur das es das „grundsätzliche Recht der Frau auf körperliche Unversehrtheit“ und nicht das „grundsätzliche Recht auf körperliche Unversehrtheit“. Warum immer häusliche Gewalt gegen Frauen bekämpfen und nicht einfach nur häusliche Gewalt?

        Aber wenn Sie es schon ansprechen: sind es nicht Feministen die behaupten das sie für die Gleichberechtigung von Frauen UND Männern kämpfen und das es deswegen keine andere Gleichberechtigungsbewegung geben muss oder gar sollte. In den USA haben sie sogar versucht gegen Humanisten Frauenfeindlichkeit vorzuwerfen, da Humanisten, die gleiche Rechte FÜR ALLE MENSCHEN wollen nicht genug frauenzentriert waren. Warum argumentieren Feministen gegen eine schulische Förderung von Jungen, obwohl Jungen schon in allen Fächern außer Mathe schlechter sind wie Mädchen und warum argumentieren sie gegen den gleichwertigen Schutz von männlichen Opfern von häuslicher Gewalt, wenn es ihnen, wie sie sagen, doch nur um Frauen geht?

  9. Zu dem „Warum“:
    Frauen sind körperlich schwächer, häusliche (physische) Gewalt geht noch immer überwiegend von Männern aus und Gewalt gegen Frauen UND Männer wird meist von anderen Männern verübt. Also kümmere ich mich zuerst uim die (im statistischen Mittel) Schwächsten, und das sind physisch nun einmal Frauen.

    Zu dem „Warum machen Feministinnen nicht“:
    Sorry, aber auf die Frage „Du setzt Dich für Bäume ein, aber was ist mit den Blumen?“ reagiere ich persönlich nicht mal mehr. Ich setze mich für Bäume ein, fertig. Wer sich für Blumen einsetzen will, soll eine eigene Gruppe aufmachen. Tut er´s nicht, soll er sich nicht bei anderen wegen seiner eigenen Faulheit beschweren.

    Gruss,
    Thorsten Haupts

    • Das möchte ich endlich einmal erfahren; ich bin ehrlich interessiert und will nicht nur trollen.
      Aber mir hat man eingeschärft, dass man bei den NobelpreisträgerInnen, deren Anteil an der Gesamtheit der Preisträgerschaft weniger als 5 % beträgt, auf keinen Fall auf das Binnen-I vergessen sollte, weil man dadurch ein Rollenbild zeichnet und qua Aussparung Frauen weniger Talent zu exzellenten Leistungen zuspricht. (Dass Frauen nicht die gleiche Chancen hatten, einen Nobelpreis zu erlangen etc. bestreite ich gar nicht, es geht mir im Moment nur um den Prozentsatz.)

      Zu Männern als Opfer häuslicher Gewalt gibt es anscheinend wenig zuverlässige Zahlen, aber die Schätzungen liegen zwischen 20-60 % der Anzahl der Gesamtopfer. Warum gilt da plötzlich ein Mehrheitsargument? Warum darf man (sagen wir mal) 25 % der Opfer ausblenden, obwohl die FeministInnen selbst es sind, die sonst die Sichtbarmachung beider Geschlechter moniert?

  10. Pingback: Das Schweigen der Feministinnen – SoundOffice-PolitBlog

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