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Die Politik der Angst – oder warum Überwachung unglücklich macht

 

Angst ist eine starke Emotion. Vielleicht die stärkste, die wir haben. Angst hat uns im Laufe der Jahrmillionen überleben lassen, sie ist ein wichtiger Hebel der Evolution. Angst ist Fundamental. 

Angst ist der Schlüssel zur Überwachung.

Auf der einen Seite wird Angst systematisch von unseren Politikern und durch Behörden – insbesondere den Polizeibehörden – geschürt. Kein Tag vergeht, indem nicht irgendein neues Bedrohungsszenario neu geschürt werden würde: täglich werden wir mit Horrormeldungen aus dem Bereich Kriminalität oder Terrorismus überschüttet. Dabei sind die Verbrechensraten seit Jahren rückläufig (1).

Durch das ständige Schüren der Angst soll ein allgemeines Gefühl der Unsicherheit erzeugt werden. Damit soll Überwachung ermöglicht und legitimiert werden. 

Zum anderen erzeugt ständige Überwachung durch den Staat – aber auch durch private Anbieter – eine kaum greifbare, subtile und diffuse Angst. Der Staat wird zu unserem ständigen Begleiter – immer und überall vor Ort; eine Art „allwissendes Auge“; der Staat wird zu einem allwissenden säkularen Gott. Und sie wird bereits wirkungsmächtig. 

Durch diese Ängste – die auf so unterschiedliche Art geschürt werden – werden unser Handeln und Denken beherrscht und kontrolliert. Ich möchte dies an zwei real existierenden Beispielen verdeutlichen:

Beispiel 1:

Zu einer fortgeschrittenen Stunde in einer feuchtfröhlichen Runde kam irgendwie die Rede auf das Internet und die vielen Pornofilmchen, die man dort gucken kann. Ein Mann gestand unter viel verlegenem Grinsen und entsprechenden Alkoholeinfluss, dass er früher solche Filmchen auch schon mal geguckt hätte – und er war sichtlich darum bemüht gleich klar zustellen, dass es nichts Schlimmes gewesen wären, so ganz Harmloses, also nur so ein paar Frauen, die mit Männer…. – nun man wüsste doch schon…. und die Ohren wurden immer roter. Aber dann betonte er, er würde jetzt so was nie wieder gucken. Auf meine spontane Frage warum nicht, kam eine völlig unerwartete Antwort: Die Geheimdienste würde doch nachgucken können, was er sich da angesehen hat und das wäre ihm so furchtbar peinlich und dann würde er sich so entsetzlich schämen. 

Sicher, man kann sich jetzt hinstellen und über das Schamgefühl des Betroffenen breit grinsen.  Dabei muss ein Mensch so viel Schamgefühl entwickeln dürfen, wie er will. Was aber gar nicht geht, ist das anlasslose Ausspionieren des Sehverhaltens der Menschen. 

Die Schere ist schon jetzt bei einigen Menschen im Kopf aktiv. Selbst wer hier beim Schmunzeln verweilen mag – spätestens beim nächsten Beispiel dürfte jedes Schmunzeln gefrieren.

Beispiel 2:
Die Kinder sind ausgezogen, die Tischtennisplatte in der Garage wird nicht mehr benötigt. Da sie sich in einem tadellosen Zustand befindet, kam die Idee auf, diese einfach einer gemeinnützigen Organisation zu spenden. Also wurde die Info zunächst im Bekanntenkreis verbreitet. Ein paar Tage später wurde der Inhaber der Tischtennisplatte in seinem Lieblingsdönerladen angesprochen, ob die Platte noch verfügbar wäre und er bekam eine Telefonnummer von einem muslimischen Gemeindezentrum. Dort würde man sich im Jugendzentrum sicher sehr über die Platte freuen.

Die Idee fand der Plattenbesitzer gut und nahm den Zettel mit der Telefonnummer mit nach Hause, um sie dem Jugendzentrum der muslimischen Gemeinde anzubieten. Aber dann kamen ihm die Bedenken. Was, wenn das so ein radikalislamisches Zentrum ist? Wenn er dann dort anruft und eine Tischtennisplatte anbietet, um das Jugendzentrum attraktiver zu gestalten, dann wäre er doch sofort mitten drin in der Überwachung. Und wer weiß, vielleicht würde selbst das Erkunden dieser Gemeinde bereits überwacht werden. 

Der Tischtennisplattenbesitzer hat die Telefonnummer nicht angewählt, sondern sich entschlossen, den Zettel mit der Nummer zu entsorgen. Aus Angst, in eine Überwachungsmaschinerie zu landen, weil er Kontakte zu einer muslimischen Gemeinde hatte.

Spätestens an der Stelle wird klar, welche gesellschaftliche Auswirkung das ständige Schüren von Angst und Überwachung auf unsere Gesellschaft hat. Unser Denken und unser Handeln wird beherrscht und kontrolliert. Die permanente Überwachung erzeugt verängstigte und kontrollierte Menschen. Sie ist ein heimtückisches Gift für die Demokratie und für unsere Gesellschaft insgesamt. Ganze Gruppen werden exkludiert und unter Generalverdacht gestellt. Dies ist ein erbärmliches Armutszeugnis für einen Staat, der sich freiheitlich und demokratisch nennt, für einen Staat, der in seiner Verfassung den Satz „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ prominent stehen hat.

Es ist an der Zeit, diesen Zustand nicht länger hinzunehmen. Es ist unsere Gesellschaft und es ist unser Staat! Die wichtigste Aufgabe aller gesellschaftlichen Gruppen, die gegen Überwachung mobil machen wollen, liegt darin, die Spirale der Angst zu durchbrechen (2). Denn wer Angst hat oder in ständiger Angst gehalten wird, kann kein glücklicher und freier Mensch sein. 

Nur Menschen, die sich frei und unbeobachtet entfalten können, sind glückliche Menschen.

(1) Nehmen wir das Beispiel Mord: 1994 gab es in der BRD insgesamt 662 vollendete Morde; 2014 nur noch 281 vollendete Morde. Das ist bei einer Bevölkerung von rund 82 Mio. Menschen erstaunlich wenig. Dennoch haben wir ständig das Gefühl einer Bedrohung. 

(2) Dies ist jedoch nicht so einfach, wie es sich darstellen mag. Es tauchen immer wieder Hinweise darauf auf, dass die Warner und Aufklärer, die Informationen gegen den Überwachungsstaat und den Methoden, die die Geheimdienste derzeit anwenden, verbreiten, selbst Angst erzeugen. Menschen, die sich nicht mit Überwachungsmöglichkeiten beschäftigen, fühlen sich oft völlig überfordert, wenn sie mit den Praktiken und dem Gebaren der Geheimdienste konfrontiert werden. Es ist deswegen von großer Bedeutung, neue Wege der Aufklärung zu finden. Es müssen Wege gegangen werden, die keine Angst erzeugen, sondern das Gegenteil bewirken. Es sind politische Kreativität und Kreativität im Denken gefordert, um die Mehrheit der Gesellschaft zu gewinnen. Es wird ein neuer und es wird ein langer Weg werden und braucht mutige Menschen, die bereit sind diesen neuen Weg ohne Angst zu haben oder zu erzeugen, zu suchen und zu beschreiten.

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Ein Kommentar zu “Die Politik der Angst – oder warum Überwachung unglücklich macht

  1. Zustimmung,
    was noch fehlt ist der Hinweis, daß der Antrieb der Kontroll- und Überwachungbefürworter derselbe Grund ist, denn auch hier ist es die Angst. Es ist wie bei allen Anhängern des Bellizismus, deren Antrieb auch die Angst vor dem Fremden, dem Unbekannten, dem Verlust ist. Sie selbst haben die Hosen voll und nehmen tapfer den Kampf gegen die Veränderung auf. Sie erkennen die eigene Feigheit nicht, die nur scheinbar mit Tapferkeit kompensiert wird. Sie wollen beschützt werden und können nicht erkennen, daß Schutz keine Sicherheit schaffen kann, dies vermag nur Verständigung.

    Schutz und Sicherheit wird fälschlicherweise gleichgesetzt, dabei ist schnell zu erkennen, daß der Zustand Sicherheit, nicht mit mehr Schutz entstehen kann. Es ist gegenläufig, denn je höher das Gefühl sich sicher zu fühlen untereinander ist, umso weniger Schutz wird gefordert/benötigt. Im Umkehrschluß ist Schutz nicht in der Lage, die Sicherheit zu erhöhen, das ist ein Denkfehler.

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