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Die sinnlose Wut der Shitstorms – viel Energie für was nochmal?

Shitstorms – so viel ist darüber geschrieben worden. Sie waren mal ein probates Mittel, um Aufmerksamkeit in den Medien zu generieren,doch das scheint vorbei.Die Möglichkeiten des Shitstorms wurden kaputtgespielt. Kaputtgespielt für – ja für was eigentlich?Was passiert gerade, in diesem Augenblick?

Waren ursprünglich noch wirklich politische Anlässe notwendig, um diese Riesenwelle der Empörung auszulösen, so reicht heute meist schon eine unbedachte Äußerung aus, um mittelschwere Stürme im moralischen Wasserglas zu entfachen. Und mittlerweile ist es sogar so, dass diese kaum noch jemand außerhalb der Filterbubbles wahrnimmt. Außenstehende nehmen das inzwischen schon gar nicht mehr ernst. 

Nachdem also dieser Irgendjemand diese schlicht unbedachte Äußerung getätigt hat, gibt es einen Irgendwen, der auf diese Äußerung anspringt. Passenderweise ist dieser Irgendwer im vermeintlich gegnerischen Lager –  also der Feind! – und damit geht die Sache auch schon los. Eine Sache, bei der die meisten Menschen einfach nur mit den Augen rollen oder den Kopf schütteln würden. Aber man ist ja im „Krieg“ – so glaubt man – und da muss sich jede noch so unsinnige Aussage instrumentalisieren lassen, um auch ja keine Chance auszulassen. Also twittert irgendwer seinen ganzen künstlich generierten Zorn vor sich hin und ein paar Kumpels steigen mit ein – aus Solidarität; weil man ja auf der selben Seite ist  und dieser Irgendjemand ja offensichtlich der Feind ist – zumindest glaubt man das. Wenn die großen Accountinhaber finden, dass das Ganze Potential habenkönnte, zumindest in ihrer Welt, steigen sie in die Nummer ein und blasen die unbedachte  Äußerung, die ansonsten niemand wirklich wahrgenommen hätte, zu einem epischen Drama in mehreren Akten auf. Das Wort „Gate“ macht die Runde. Es handelt sich ja schließlich um den Feind und da sind doch alle Mittel recht.

An dieser Stelle ist das Drama kaum noch zu stoppen – aber so richtig los geht es dann, wenn irgendeiner den Twitteraccount verwechselt und weitere Missverständnisse hinzukommen, was bei 140 Zeichen auch nur eine Frage der Zeit ist. Spätestens dann geraten Dinge völlig außer Kontrolle. Die Geschichte nimmt Fahrt auf. Irgendwer bloggt darüber – oder noch besser, es wird gleich ein offener Brief geschrieben. Ein weiterer Blog kommt dazu. Gegendarstellungen überschlagen sich. 

Leute, die von dem Theater nur noch angenervt sind, üben sich in der Satire, denn ernstnehmen können sie diesen Wahnsinn schon lange nicht mehr. Andere wiederum versuchen die Gemüter zu beruhigen, was aber auch nicht wirklich funktioniert. Im schlimmsten Fall werden sie von allen Seiten beschimpft, mit der Konsequenz, dass sie überall als Feind gelten, denn wer nicht zu 100 Prozent der selben Meinung ist, muss Feind sein. Die Sache kocht weiter und über. Der Herd, auf dem diese Suppe gekocht wurde, ist mittlerweile ekelig zugekleistert  und stinkt verbrannt.

Wenn man es schafft, dass das Gate auf Twitter trendet, wird das Ganze als Sieg gefeiert – schließlich hat man dem Feind ja massiv eins ausgewischt. Denkt man. Nach ein paar Tagen kehrt dann wieder Ruhe ein; mittlerweile sogar schon nach einem. Bis ein Irgendjemand eine  unbedachte Äußerung macht – eine, der vermutlich sonst niemand Beachtung geschenkt hätte, aber diese unbedachte Äußerung ist ja vom Feind….  und das Ganze fängt von vorne an.

Dummerweise ist der Feind aber gar nicht der Feind, sondern nur jemand, der nicht genau der gleichen Ideologie oder Überzeugung anhängt, nicht einem gewissen Personenkult (oder -kreis) angehören mag oder sich einfach nicht einer gewissen Dominanz unterordnen mag. Dummerweise ist der der angebliche  Feind sogar in der ähnlichen politischen Ecke angesiedelt. Wieviele Mannstunden, wieviel Energie und Kreativität werden auf diese Weise sinnlos verschleudert? 

Was könnte man politisch wohl erreichen, wenn all diese Energie dazu genutzt würde, um sich mit den tatsächlichen politischen Gegnern auseinanderzusetzen? Zur Erinnerung: Der Shitstorm, der zum Thema Netzsperren („Zensursula“) entfesselt wurde, hat zum ersten Mal gezeigt, dass sich die vielbeschworene Netzgemeinde politisch Gehör verschaffen kann. Dies ist nur ein Beispiel von vielen. Doch nun werden Shitstorms für alberne Dinge eingesetzt, für Auseinandersetzungen, die zu Energievampiren mutieren und allenfalls für hässliche Unfälle sorgen und Unfalltouristen anziehen – nicht mehr und nicht weniger.

Klar kann man so weiter machen, klar kann man ständig neue Empörung gegen die eigene politischen Strömung generieren, klar kann man Energien in sinnlosen Kleinkriegen binden, klar kann man zugucken, wie die wirklich wichtigen Kämpfe an anderer Stelle geführt werden, aber dann versinkt man halt in der Bedeutungslosigkeit – zurecht.

Es ist an der Zeit, diesen Teufelskreis zu durchbrechen. Es liegt an uns, diese aufgeblasenen Dramen einfach nicht mehr mitzutragen. Ehrlicherweise ist es sogar so, dass diese Shitstorms nicht einmal mehr das Zeug zu einem Drama haben, sondern nur noch an eine schlecht geschriebene Daily Soap oder Scripted Politreality erinnern. Es liegt an uns, diese Dinge einfach zu ignorieren, damit wir unsere Energie in die Dinge stecken können, die wirklich verändert werden müssen. 

Wenn wir eine digitale Welt ohne Überwachung schaffen wollen, eine Welt, in der Menschen größtmögliche Freiräume genießen können, in der sie sich wirklich frei entfalten können, in der sie ohne Angst leben können, weil in dieser Gesellschaft soziale Teilhabe eine Selbstverständlichkeit ist  – dann werden wir diese Welt sicher nicht mit kindischen Dramen untereinander in den sozialen Medien erreichen. Diese Welt kann nur erschaffen werden, wenn wir an einem Strang ziehen. Lasst es uns angehen. Jeder von uns. Der es will. Jetzt.

tl;dr:  

Stell dir vor, es ist Shitstorm und keiner macht mit!

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4 Kommentare zu “Die sinnlose Wut der Shitstorms – viel Energie für was nochmal?

  1. Shitstormberuhigung ist Symptombekämpfung. Die mutwilligen Provokationen sind das Problem, dass irgendwie bearbeitet werden will, ohne in Kontrollwahn oder Gleichschaltung abzudriften.
    Nebenbei ist Twitter nicht das Problem, da bekommt man es nur leichter mit.

  2. Für Andrea, den Drachen und die Rose

    Es ist nicht nur Twitter,

    sondern eine generelle (Fehl)Entwicklung. Kommunikation ist eben nicht nur binär, Sender und Empfänger. Bereits nur am Telefon zu reden ist nicht nur Fortschritt, sondern auch der Verlust von Mimik, Gestig, Verhalten usw.. Reine Schrift ist nochmals eine deutliche Reduktion. 140 Zeichen? Ist das überhaupt noch nachzuvollziehen? Vielleicht unter Bekannten?

    Der Mensch gibt immer mehr seiner Fähigkeiten an Technik ab, ohne zu bemerken, daß das Fühlen technisch nicht ersetzt werden kann. Der GLAUBE mit seinen Emotionen schafft neue Realitätebn, die immer weniger mit der Wirklichkeit zu tun haben. Die Konsequenz ist daher eher die Degeneration des Menschen.

    Der Markt mit seinem dualen Angebot und Nachfrage macht das übrige:
    Konsum frißt Hirn.

    Das Denken selbst ist in Frage gestellt, immer auf der Suche nach dem idealen, optimalen, endgültigem, höchstem, bestem, fittestem, größten,.., zerstört den Verstand, das Fühlen. Das Streben nach Glück birgt keine Zufriedenheit, folglich kann keiner glücklich werden.

    Es gibt nichts zu wissen über Unveränderliches, denn diese hat keinerlei Wirkung, keine Gefühle, es bringt nur die Illusion.
    Der GLAUBE an die Gegensätze der Welt. Der Denkfehler liegt in der Betrachtung, denn NICHT Existentes, ist nicht das Gegenteil von Existenz. Die Nichtexistenz hat NICHTS mit Existenz zu tun.

    Über Nichtexistentes können nur Pfaffen und Heilsbringer, auch bekannt als Idiologen*, berichten. Sie sind die Erwecker der Illusionen und der Tod jeder Vision.

    Gruß

    *Nach Franz Maria Arwee

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