Galerie

Das Internet – nach Neuland jetzt das »Geschenk Gottes«

War ich – als Netzbewohnerin¹) – bereits im Sommer des letzten Jahres darüber irritiert, dass mein Lebensraum durch Bundeskanzlerin Merkel als »Neuland« deklariert wurde, so wird diese Irritation nun nicht gerade geringer, wenn das Internet jetzt von Papst Franziskus zum »Geschenk Gottes« erklärt wird.

Ich halte die Idee, dass mein Lebensraum, der von den vielen Bewohnern des Netzes gemeinsam geschaffen wurde, nun zu einem Geschenk von einem Gott erklärt wird, von dem ich nicht einmal weiß, ob es ihn wirklich gibt, für befremdlich. Überhaupt finde ich es seltsam, wer das Netz für sich oder andere reklamieren will. Das scheint aktuell in Mode gekommen zu sein. Nun also der Papst für seinen Gott.

Dabei sind sich Kirche und Netzbewohner nicht gerade besonders zugeneigt. Es wäre allerdings falsch zu behaupten, dass sich die Netzgemeinde im Widerspruch zur Kirche befände oder man sich gar antagonistisch gegenüber stünde; nein, es ist eher die völlige Sprachlosigkeit, die sie von einander trennt. Es gibt schlicht nichts, was man sich zu sagen hätte – Kommunikation: Fehlanzeige.

Damit wird die Aussage des Papstes noch weniger nachvollziehbar. Zumal keinerlei Anstrengung der Kirche zu sehen ist, den großen Gefahren entgegenzutreten, denen das Internet derzeit ausgesetzt ist²). Das Internet – in seiner ganzen Großartigkeit (und neuerdings sogar als Geschenk Gottes empfunden) – funktioniert nämlich nur dann, wenn seine Neutralität gewahrt bleibt und es allen Menschen ohne Einschränkungen zur Verfügung steht, es nicht zensiert und überwacht wird³). Genau an diesen neuralgischen Punkten finden jedoch aus gleichermaßen unterschiedlichen Richtungen Großangriffe statt. Beteiligt sind große Konzerne, die sich neue Felder für exorbitant hohe Gewinne versprechen, wie auch Regierungen und deren Geheimdienste. Letztlich möchte sich jeder, der irgendwie in irgendeiner Form Macht ausübt, dieses Netz zu Eigen machen, es kontrollieren und Geld damit verdienen.

Nehmen wir die Netzneutralität. Diese sorgt bekanntlich dafür, dass die transportierten Informationen in Form von Datenpaketen ohne Wertung und Gewichtung unzensiert abgerufen werden können. Verschiedene Anbieter und Konzerne würden diese Freiheit und Neutralität sehr gerne beenden und ihre eigenen Inhalte und Formate priorisieren, der Rest soll verteuert werden oder besser noch gleich ganz verschwinden.

Ein Beispiel: Wenn man möchte, kann man Radio Vatikan streamen. Das ist für den, der das mag, eine gute Sache. Dass der User das ohne große Probleme kann, liegt unter anderem an dieser Netzneutralität: Die durchfließenden Datenpakete (auch die von Radio Vatikan) werden derzeit alle gleichberechtigt behandelt. Bei Aufgabe der Netzneutralität wäre damit jedoch Schluss. Datenpakete – auch die von Radio Vatikan – würden kontrolliert durch das Netz transportiert. Nur ausgewählte Daten (für die beispielsweise ein besonderes Entgelt gezahlt wird) würden nach wie vor ungehindert und schnell durch das Netz transportiert werden. Der Rest würde verlangsamt oder ganz unterdrückt werden. Das bedeutet: Kann der Vatikan keine speziellen Konditionen mit den unterschiedlichen Providern aushandeln, gibt es schlicht kein Radio – zumindest nicht per Stream aus dem Internet, wie er derzeit jedem Menschen an jedem Ort der Welt frei verfügbar ist, solange es an diesem Ort einen freien Zugang zum Internet gibt. Die Provider könnten bei politisch missliebigen Botschaften das Radio auch einfach aus ihrem priorisierten schnellen Angebot herausnehmen.

Das Radio ist natürlich nur ein Beispiel. Grundsätzlich würde die Aufhebung der Netzneutralität nahezu jegliches Angebot der Kirchen aus dem Netz schießen – und natürlich nicht nur der Kirchen. Betroffen wären ebenso alle Content-Anbieter und User, die die Konditionen der Provider nicht erfüllen können. Es wäre das Ende der Informationsfreiheit im Netz, so wie wir sie jetzt kennen.

Aber damit nicht genug. Die Freiheit der Informationen erzeugt auch Angst, insbesondere bei Regierungen und Geheimdiensten – und das eben nicht nur bei korrupten und diktatorischen Regimen, sondern leider auch bei denen, die sich als demokratisch legitimiert betrachten. Andererseits kann digitale Technik dazu benutzt werden, um einen Kontrollapparat zu schaffen, den es in diesem Umfang nie zuvor in der Geschichte der Menschheit gegeben hat. So werden in unseren freiheitlich orientierten Staaten Instrumente eines Überwachungsstaates entwickelt, die sich in kürzester Zeit zu einem ungeheuerlichen Regime auswachsen können⁴). Die gesamte freiheitliche und rechtsstaatliche Ordnung ist in großer Gefahr. Aus dem Geschenk Gottes kann derzeit sehr schnell ein unfassbarer Fluch werden.

Nehmen wir nur die Geheimdienste. Ich habe längst aufgegeben, mich darüber zu wundern, welche Informationsquellen mittlerweile angezapft werden. Stattdessen frage ich lieber, welche App, welche Soft- oder Hardware derzeit nicht korrumpiert ist – diese Frage könnte nach dem derzeitigen Erkenntnisstand sehr viel schneller beantwortet werden. Wenn dieser Trend ungebrochen weitergeht, wird die nächste Generation nicht mehr wissen, was das Wort »Privatsphäre« bedeutet. Sie wird sich – wenn jetzt nichts geschieht – einem Geheimdienstapparat gegenüber sehen, der schlicht omnipräsent sein wird. Ein Geheimdienstapparat, der alles weiß und alles sieht. So entsteht eine Art säkularisierter Gott. Aber diese Geheimdienste, dieser neu entstehende »Überwachungsgott«, hat dem mystischen Gott der Religionen gegenüber einen entscheidenden Vorteil: Seine Existenz ist unstrittig und beängstigend real und er kann bei den kleinsten Vergehen direkt reagieren. Jede »Sünde« in Form einer Ordnungswidrigkeit wird unmittelbar ganz direkte Konsequenzen für den »Sünder« haben – es braucht keine Drohung mehr mit irgendeiner Form von Strafe im Jenseits. An diesem Punkt stellt sich die Frage, ob Menschen dann überhaupt noch einen mystischen Gott brauchen oder ihn gar wünschen, wenn sie von einem realen, allgegenwärtigen Gott beobachtet, gegängelt, drangsaliert und bestraft werden. Der Gott der Kirche bekommt einen realen digitalen Rivalen; ob er gegen diesen bestehen kann, würde sich erst einmal erweisen müssen.

Was dieser säkulare Gott für die Kirchen selbst bedeuten wird, vermag ich nicht zu beantworten, das ist auch nicht meine Aufgabe, sondern dies zu bewerten und abzuschätzen ist Aufgabe der Theologen – nur habe ich in dieser Hinsicht bisher nichts gehört. Womit wir auch wieder bei der nicht stattfindenden Kommunikation zwischen den Kirchen und Netzbewohnern wären. Diese Sprachlosigkeit finde ich persönlich sehr schade, denn die digitale Revolution, die wir gerade erleben, wird diese Welt fundamental verändern und dürfte genauso tiefgreifend sein wie die Erfindung des Buchdrucks⁵). Dieser Wandel wird enorme Auswirkungen auf alle gesellschaftlichen Institutionen haben. Ob der Wandel ein Segen oder ein Fluch wird steht derzeit noch nicht fest. Die Grundsteine dafür werden jedoch im Hier und Jetzt gelegt.

¹) Netzbewohner werden auch als »Netizens« (eine Wortschöpfung aus den englischen Begriffen net und citizen = Netz und Bürger) oder auch als »Netzgemeinde« bezeichnet. Neuerdings übrigens auch als »Neulandbewohner«, nachdem Frau Merkel das Internet als Neuland bezeichnete.

²) Ich finde es seltsam, wenn etwas, das zum »Geschenk Gottes an die Menschheit« erklärt wird, nicht entsprechend verteidigt wird. Denn wenn dieser Gott den Menschen etwas geschenkt hätte, wäre es dann nicht das oberste Gebot Seines Stellvertreters auf Erden dieses Geschenk zu verteidigen und nicht zuzulassen, dass es der Menschheit von einigen Wenigen entrissen wird?

³) Jeder Mensch muss an jedem Ort der Welt in der Lage sein, Informationen aus dem Netz zu holen oder in das Netz einzuspeisen. Es ist genau diese grenzenlose und ortsunabhängige Freiheit der Informationen, die die digitale Teilhabe definiert. Digitale Teilhabe ist für Netzbewohner ein Menschenrecht, das jedem Menschen auf diesem Planeten zugestanden werden muss – auch wenn es bis dahin noch ein sehr weiter Weg ist.

⁴)  In den westlichen Industriestaaten wird mit dem Argument der Sicherheit ein massiver Abbau von Grundrechten betrieben. Dieser Abbau findet in erster Linie im Internet statt. Dem nicht netzaffinen Bürger fällt dieser Grundrechtsabbau damit zunächst nicht auf. Auf diese Weise wird die digitale Welt rundum reguliert. Was der nicht netzaffine Bürger auch noch nicht überblicken kann, ist der Umstand, dass die digitale Welt in nur wenigen Jahren restlos jeden Bereich des menschlichen Lebens durchdrungen haben wird – und damit auch die Kontrollmechanismen. Aber genau dann ist es bereits zu spät, weil die Instrumente der absoluten Kontrolle dann installiert sind. Wer das für absurd hält, möge sich noch einmal genauer mit den Snowden-Leaks, der NSA und GCHQ, aber auch mit der Vorratsdatenspeicherung (VDS) und der Bestandsdatenauskunft (BDA) und damit befassen, was genau sie in letzter Konsequenz bedeuten.

⁵) Die Erfindung des Buchdrucks dürfte eine der fundamentalsten Entwicklungen innerhalb der Menschheitsgeschichte sein. Die nachfolgenden Revolutionen wie etwa die Industrielle Revolution, die Aufklärung usw. wären ohne Bücher und die damit verbundene große Verbreitung von Wissen nicht möglich gewesen. Vermutlich dürfte nur noch die Erfindung der Schrift von grundlegenderer Bedeutung sein. Wir leben derzeit in der spannenden Zeit eines »digitalen Gutenbergs«. Die Erfindung des Buchdrucks hat dafür gesorgt, dass eine Wissensgesellschaft entstehen konnte. Dies wiederum bewirkte, dass Menschen in den Genuss von Bildung gekommen sind. Jetzt erleben wir den Übergang von der Wissens- in die Informationsgesellschaft. Welche Auswirkungen das letztlich haben wird, ist ungewiss und wäre ein anderes Thema. Insgesamt zeichnet sich aber ab, dass Menschen dadurch sehr viel unabhängiger leben werden.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s