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Das Wahldesaster. Eine Betrachtung

Das Wahlergebnis dürfte wohl mit dem Wort »desaströs« noch am besten beschrieben sein. Ganz ehrlich: Ich habe nichts anderes erwartet. Was mich aber zutiefst entsetzt hat, war die einsetzende Wählerschelte. Dabei dürfte es sich wohl um klassische Reflexe der Piraten handeln, die in unser allgemeines Reaktionsschema fallen: Irgendwer muss schuld sein, und bitteschön, immer jemand anders. Nie liegt der Fehler bei uns; an uns selbst kann, darf es nicht liegen.

Besonders böse aufgestoßen sind mir Tweets wie: »Dem Bürger geht es wohl noch nicht schlecht genug.« Wollen wir wirklich gewählt werden, nur weil es dem Wähler schlecht geht – oder anders formuliert: Wollen wir wirklich, dass es dem Wähler schlecht geht, damit er bereit ist, uns zu wählen? Ernsthaft? Wollten wir nicht ursprünglich mal gewählt werden, weil wir eine echte Alternative zum eingefahrenen Politikbetrieb sein wollten? Waren wir nicht diejenigen, die ihre Anliegen als Netzbewohner (neuerdings auch Neulandbewohner genannt) in die Gesellschaft und die Parlamente tragen wollten? Waren wir nicht mal diejenigen, die sich für mehr Beteiligung für alle Bürger einsetzen wollten? Waren wir nicht diejenigen, die sich ohne Wenn und Aber für das Grundgesetz stark gemacht haben und dem systematischen Bürgerrechtsabbau ein Ende machen wollten? Und was genau haben wir aus diesem Anliegen gemacht?

Es ist auch nicht so, als gäbe es in der Bevölkerung nicht den Wunsch nach politischen Alternativen – ganz im Gegenteil. Wie oft habe ich in meinem Umfeld den Satz gehört: »Ich habe die Nase von den derzeitigen Politikern voll und ich würde euch so gerne wählen, aber ihr seid so chaotisch.« Oder – auch oft gehört –: »Der Wahl-O-Mat hat mir gesagt, dass ich euch wählen sollte – aber ihr macht euch selbst so unwählbar.«

Vielleicht sollten wir einfach mal zur Kenntnis nehmen: Wenn der Wähler uns nicht wählt, liegt das nicht am Wähler, sondern ausschließlich an uns!

Nehmen wir mal die unsägliche Diskussion, ob die Piratenpartei eine linke Partei ist. Wir waren uns mal einig, dass wir uns nicht in dieses Links-Rechts-Schema pressen lassen wollten. Warum auch? »Links« und »rechts« sind Kampfbegriffe aus dem Industriezeitalter. Wir aber wollten die  Partei des digitalen Wandels und des 21. Jahrhunderts sein, die Partei der kommenden Wissens- und Informationsgesellschaft. Wir wollten die alten Zöpfe abschneiden, wollten Visionen für diese  zukünftige Gesellschaft entwickeln. Stattdessen verstricken wir uns in Debatten und Streitereien über anachronistische Verortungen in der politischen Landschaft, die in die Industriezeit gehören. Was für eine Rolle rückwärts, die niemanden geholfen hat.

Wichtig wäre es doch vielmehr, den Bürger da abzuholen, wo er steht. Wir haben eine »freiheitlich-liberale« Grundausrichtung in unserem Grundsatzprogramm festgeschrieben. Vielleicht sollten wir uns daran mal wieder erinnern und dies auch dem Bürger gegenüber betonen. Ähnliches gilt für die Feminismusdebatte. Wir waren mal die Coolen, diejenigen, bei denen es vollkommen egal war, welchem Geschlecht man angehört. Aber nein, es musste ja auch noch dieses Fass aufgemacht werden. Wähler hat uns das nicht gebracht – aber viele verschreckt.

Wenn wir gewählt werden wollen, dann sollten wir uns vielleicht mal wieder auf unser Kerngeschäft besinnen: die Zukunft zu gestalten, die Interessen der Neulandbewohner aktiv zu vertreten, den Ausbau der Bürgerrechte zu vertreten, in dem wir dem Bürgerrechtsabbau wieder viel stärker in den Fokus nehmen und Visionen für eine zukünftige Gesellschaft zu entwickeln. Dann klappt’s auch wieder bei den Wahlen.

tl;dr Nicht der Wähler ist schuld, sondern wir haben es mit Egotripdiskussionen selbst verbockt.

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4 Kommentare zu “Das Wahldesaster. Eine Betrachtung

  1. Applaus! Du hast es schön auf den Punkt gebracht. Danke!

    Und nun Nachdenken, Schlachtplan entwerfen und weitermachen 🙂 Die nächste Wahl kommt bestimmt und dann sind die Piraten wieder voll da!

  2. Die Piraten waren im Wahlkampf faktisch nicht existent. Aber nach den Querelen der Vergangenheit nimmt sie wohl niemand mehr so richtig ernst. Das ist schade, denn wer soll nun, nachdem die FDP als einzige Partei, die zumindest was in Richtung Datenschutz versprochen hat, jetzt noch für unsere Rechte eintreten? http://wp.me/pSl3C-de

  3. Pingback: Piraten-Wahlergebnisnachlese | Niklas Deutschmann

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