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Das eigentliche Drama von Neuland

Es kam, wie es kommen musste: Unsere Bundeskanzlerin lässt einen Satz über das Internet fallen und schon reagiert die Netzgemeinde auf Twitter, Facebook und Co. Mit entsprechender Häme. Genauso erwartbar waren die Reaktionen von einigen Kommentatoren in den Medien, die eben jener Netzgemeinde Ignoranz vorwerfen. Was in der mehr oder weniger aufgeregten Debatte rund um den Satz des Neulands übersehen wird, ist die komplette Aussage von Merkel:

Das Internet ist für uns alle Neuland und es ermöglicht auch Feinden und Gegnern unserer demokratischen Grundordnung natürlich mit völlig neuen Möglichkeiten und völlig neuen Herangehensweisen unsere Art zu Leben in Gefahr zu bringen.“ Angela Merkel, 19.06.2013

 

Damit hat unsere Bundeskanzlerin alles gesagt: Das Internet wird von der Politik in erster Linie als feindlicher Ort wahrgenommen – an der Stelle bleibt der Netzgemeinde das Lachen eher im Halse stecken. Denn genau hier öffnen sich Abgründe zwischen denen, die das Netz als erweiterten Lebensraum sehen und jenen, die nur sporadisch oder gar nicht mit dem Netz in Kontakt kommen.

Der geneigte – besonders der nicht netzaffine Leser – möge sich folgende Situation vorstellen:

Mitten in Deutschland gäbe es so etwas wie einen grauen Flecken. Die Menschen, die in diesem Flecken wohnen, sind eigentlich ganz gewöhnliche Menschen, die ihren täglichen und ganz gewöhnlichen Leben nachgehen. Ihre Straßen sind so sicher, wie sonst wo, in den Cafes und ihren Wohnungen geht es nicht anders zu als im Rest der Welt. Und plötzlich entdeckt der Rest von Deutschland diesen grauen Flecken mitten in seinem Herzen – und die Bewohner dieses grauen Fleckens werden plötzlich total überwacht – in ihren Straßen, in ihren Cafes, ja selbst in ihren Wohnungen. Ihre Briefe, ja sogar ihre Tagebücher werden von nun an mitgelesen. Welcher Mensch möchte so leben?

Darum geht es – und um nichts anderes. Das Internet ist schlicht mein Lebensraum. Auch wenn das für nicht netzaffine Menschen kaum nachvollziehbar erscheinen mag. Ich treffe mich mit meinen Freunden in virtuellen Räumen, wie ich mich mit ihnen auch in einem gewöhnlichen Straßencafe treffen würde – oder manchmal auch in meinem Wohnzimmer. Wenn ich mich im Netz mit Menschen treffe, dann lache ich mit ihnen, manchmal diskutiere ich und manchmal weine ich mit ihnen – so wie ich es auch der klassischen Realität mache. Für mich gibt es nur sehr wenig, was die reale von der virtuellen Welt unterscheidet.

Diese virtuelle Welt ist so bunt und vielfältig wie die reale. Es gibt schöne Orte und weniger schöne – ja, und es gibt gefährliche. Es ist schlicht ein Abbild der Gesellschaft – nur viel offener.

Manch einer testet seine vermeintliche Andersartigkeit zunächst einmal in der Anonymität des Internets – viele Homosexuelle haben sich das aller erste mal im Internet geoutet – eben weil es geht, weil es viel offener ist aber gleichzeitig den Menschen vor allzu direkten (und auch körperlichen) Angriffen schützt. Andere Menschen nutzen das Netz, um unzensierte Informationen zu bekommen (wie derzeit in der Türkei) und wieder andere möchten einfach nur mit anderen Menschen kommunizieren, spielen, was-auch-immer.

Genau an dieser Stelle wird das Grundproblem deutlich: Politiker, die dieses Netz offensichtlich nicht verstehen können oder wollen, nehmen diese Freiheit als etwas Feindliches wahr und zerstören die Welt der Netzbewohner mit immer mehr und drastischeren Überwachungsmethoden ohne zu verstehen, was sie damit überhaupt anrichten.

Unsere Kinder wachsen mit diesem Internet auf und tauschen dort ihre persönlichen Erfahrungen in sozialen Netzwerken aus. Aber Politiker, die nichts davon verstehen, regulieren jetzt das Netz. Im Hier und Jetzt wird die Zukunft des Netzes von Menschen bestimmt, die nicht im Netz zu Hause sind. Sie legen die Grundsteine dafür, ob das Internet der Zukunft eine Welt der Freiheit oder eine Welt der Totalüberwachung ist – für das Mittelding irgendwo dazwischen haben sie kein Gefühl, weil sie kein Teil der virtuellen Welt sind.

Ich möchte das noch einmal für den nicht netzaffinen Leser verdeutlichen:

Eine Welt in der die Kinder der Zukunft nicht mehr frei leben können, erste Liebesbriefe, die diese Kinder verschicken, wandern nicht mehr zwischen den Kindern her ohne das eine Staatsmacht mitliest. Gespräche, wie man sie beim heimlichen Rauchen der ersten Zigarette in Nachbars Garage zu früheren Zeiten geführt hat – der Staat beobachtet sie mit. Das digital geführte Tagebuch, dem man seine intimsten Geheimnissen anvertraut, auch diese Geheimnisse kennt plötzlich der Staat. So etwas kann niemand für seine Kinder wünschen – auch kein Mensch, dem das Internet ansonsten egal ist.

Eines ist ganz sicher: Wenn das Internet erst einmal totalüberwacht ist, wird diese Überwachung auch in der ganz realen Welt mit derselben Unbarmherzigkeit etabliert werden – dann gibt es kein entkommen mehr vor einem alles sehenden Staat. Und genau damit führt unsere Bundeskanzlerin sich selbst ad absurdum: Denn der immer weitere Ausbau der Überwachung ist letztlich der Frontalangriff auf unsere demokratische Grundordnung, die unsere freiheitliche Art zu Leben am Ende vollkommen zerstören wird. Sie selbst gehört zu den zerstörerischen Kräften, die sie im Internet zu verorten sucht.

Wer will in so einer Welt leben? Ich, für meinen Teil, will das weder für mich noch für meine Kinder und genau aus diesem Grund werde ich für ein freies, neutrales Netz kämpfen – nicht aus Ignoranz, nein, sondern weil ich frei sein will und weil meine Kinder frei sein sollen!

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3 Kommentare zu “Das eigentliche Drama von Neuland

  1. Für mich gilt der Schlußsatz:
    Wer will in so einer Welt leben? Ich, für meinen Teil, will das weder für mich noch für meine Kinder und genau aus diesem Grund werde ich für ein freies, neutrales Netz kämpfen – nicht aus Ignoranz, nein, sondern weil ich frei sein will und weil meine Kinder frei sein sollen!

    Denn übernehme ich so.

  2. Die Bundeskanzlerin hat leider nicht alle Worte in dem Satz ausgesprochen, den sie sagen wollte, sonst wäre er zu lang und unverständlich geworden. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Menschen in 50 Jahren noch Sätze verstehen werden, die heute geschrieben wurden…

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