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Frauen, Kinder und kein Plenarsaal

Neulich wurde bei dem Piraten-Stammtisch, den ich regelmäßig besuche, das Thema Aufstellungsversammlung (Wahl der Kandidaten für die Listen der Bundes- und Landtagswahlen) aufgegriffen. Es wurde darüber nachgedacht, wen man wählen könne, wer geeignet wäre oder bei wem man eher Bedenken hätte. Viele Namen wurden genannt – kaum überraschend fast ausschließlich männliche Namen. Dies liegt u. a. daran, dass es tatsächlich sehr wenige Frauen gibt, die überhaupt kandidieren wollen.

Dass so wenige Frauen kandidieren liegt für mich allerdings nicht darin begründet, dass die Piraten so furchtbar frauenfeindlich wären, wie in der Presse oder von den etablierten Parteien immer wieder fälschlicherweise behauptet wird, sondern liegt – wie so oft in Deutschland – in der Struktur begründet. So ist es für Frauen mit Kindern de facto unmöglich für einen Sitz in einem Land- oder Bundestag zu kandidieren, denn ein solches Mandat bedeutet, mindestens eine 60-Stunden-Woche ableisten zu müssen. Es ist ja bei weitem nicht so, dass man als Abgeordneter von Zeit zu Zeit in einem Plenum sitzt und Gesetzen zustimmt oder ablehnt, sondern die eigentliche Arbeit findet in stundenlangen, oftmals öden Ausschusssitzungen statt. Aber welche Mutter kann sich eine 60-Stunden-Woche (womöglich plus x) erlauben? Konsequenter Weise gibt es deswegen auch keine Kindertagesstätten für die Kinder der Abgeordneten, sondern nur für die Angestellten der Parlamentarier und der Verwaltung.

Damit ist klar, dass von den Frauen, die bei den Piraten organisiert sind, ein großer Teil – nämlich der mit Kindern – gar nicht kandidieren kann. Das empfinde ich als Mutter sehr schade, denn in der Politik wird zwar immer wieder viel über Frauen mit Kindern geredet, aber nie mit ihnen. Vielleicht liegt darin ein gesellschaftliches Grundproblem: Es ist in diesem Land so, dass frau sich dummerweise zwischen Kind und Karriere entscheiden muss.

Diese Problematik ist gut bekannt aus der Wirtschaft. Auch dort wird über Frauenmangel geklagt. Eine Frauenquote für die Wirtschaft ist angedacht, doch der Sinn dieser Quote ist fraglich, zumindest für Frauen mit Kinder. Denn auch in der Wirtschaft werden sich nur Frauen in Spitzenpositionen behaupten können, wenn sie auf Kinder verzichten.

Um so schlimmer sieht die wirtschaftliche Situation für die Frauen aus, die sich dazu entschließen, Kinder zu bekommen: Ihnen droht der soziale Abstieg, weil sie nur schwer Arbeit finden. Haben sie das Glück, einen Job ergattern zu können, bleibt ihnen der Weg nach oben versperrt. Eine größere Anzahl von Überstunden ist ihnen nur sehr selten möglich, denn die Öffnungszeiten der Kindertagesstätten ermöglichen dies nicht. Oftmals erlauben die Öffnungszeiten sogar nur das Arbeiten in Teilzeitangeboten. Damit sind Frauen mit Kindern von Beförderungen de facto ausgeschlossen. Schlimmer noch: Keine andere soziale Gruppe ist derartig von Arbeitslosigkeit betroffen, wie die Gruppe der Frauen mit Kindern: Im Alter droht diesen Frauen dann Altersarmut, denn sie haben zu wenig in die Rentenkasse eingezahlt und um eine private Vorsorge zu treffen bleibt auf Grund des oft geringen Verdienst nicht genug Geld über.

Männer, die Kinder haben, können durchaus Karriere machen – weil sich Frauen um die gemeinsamen Kinder kümmern und den Männern somit den Rücken frei halten. Wollen Frauen hingegen Karriere machen, finden sich kaum Männer, die bereit sind, ihren Frauen den Rücken freizuhalten – dies gilt in Deutschland immer noch als ‚unmännlich‘. Schaut man in Richtung Skandinavien scheint dies weniger problematisch zu sein, dort kümmern sich Väter und Mütter eher anteilsmäßig um die Erziehung der Kinder; dies schlägt sich entsprechend in den Karrieremöglichkeiten der skandinavischen Frauen nieder.

Aber zurück zu den Planarsälen. Wenn endlich mehr Frauen – vor allem auch Frauen mit Kindern – die Möglichkeiten haben sollen, aktiv am politischen Geschehen teilhaben zu können, hilft auf Dauer keine Quote, sondern letztlich erfordert es ein Umdenken in der Gesellschaft: Es müssen sinnvolle Betreuungsmöglichkeiten für Kinder her und es muss endlich selbstverständlich werden, dass Männer sich genauso intensiv um die Erziehung ihrer Kinder kümmern, wie es derzeit nur von Frauen verlangt wird. In Schweden haben Politiker kurzerhand Nachtsitzungen abgeschafft – damit sich Väter und Mütter um ihren Nachwuchs kümmern können.

Es muss Schluss mit dem Wahnsinn sein, dass Frauen sich zwischen Karriere, egal ob im wirtschaftlichen oder politischen Bereich, und Kindern entscheiden müssen. Wir brauchen endlich lebenswerte Modelle für ein Leben mit Kindern für Eltern insgesamt. Auch Väter müssen die Möglichkeit bekommen, Zeit mit ihren Kindern verbringen zu können – dies wäre eine nachhaltige Familienpolitik zu Gunsten von Kindern, die oftmals viel zu wenig von ihren Vätern haben. Dann werden es auch endlich Mütter in die Plenarsäle schaffen – vielleicht dann sogar auch und gerade bei den Piraten.

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8 Kommentare zu “Frauen, Kinder und kein Plenarsaal

  1. Super Artikel, er trifft genau das Problem, volle Zustimmung – Quoten werden das Problem nicht lösen, es braucht ein Umdenken, weg von „Kinder sind Frauensache“! Ein schöner Indikator dafür, dass in Skandinavien Kinder Elternsache sind (und nicht nur Frauensache) sind die Wickeltische: hierzulande gibt es sie nur auf den Damentoiletten, dort sind sie für Herren unf Damen zugänglich.

  2. Kind(er) oder Karriere – das ist doch kein Frauenproblem! Jeder Mensch in Deutschland muss sich unter den gegenwärtigen gesellschaftlichen Bedingungen für eins von beiden entscheiden. Es ist zu bedenken, dass es aber für Frauen eine große Anzahl von Ansprechpartnern in Form von Beratungsstellen, Jugendämtern und Gleichstellungbeauftragten etc.pp. gibt die nach dem in-die-Welt-setzen eines Kindes hilfreich zur Seite stehen. Dies gibt es für Väter nicht, oder nur scheinbar. Scheinbar deshalb, weil die meisten einschlägigen Institutionen beim Auftauchen eines fordenden Vaters völlig überfordert sind. Dann gilt das Motto: „Haben Sie keine Frau die Sie zu uns schicken können…?“
    Die Frage ist doch, ob es nicht schlicht sinnvoll ist, sich für Kind(er) oder Karriere zu entscheiden. Beides erfordert nun einmal Hingabe und ist, imho, nicht gleichzeitig befriedigend zu bewältigen!

  3. naja, es werden ja wohl nicht alle frauen bei den piraten kinder haben. und ein punkt ist ja auch, dass bei den piraten überhaupt relativ wenige frauen sind. die piraten sind vielleicht nicht frauenFEINDLICH, aber auch nicht gerade frauenFREUNDLICH.
    dass es auch anders geht, zeigen zb die grünen.

  4. Also einfach den Job und die Arbeitszeiten etwas Kinderfreundlicher machen? Ich vermute mal, das wird gar nicht so einfach sein. Irgendetwas leidet immer, Familie oder Karriere und genug Leute sind eben bereit alles auf Karriere zu legen.

  5. tja, hierzu passt vielleicht ein mütterlicher erfahrungsbericht. diese woche drei piratenevents, zu denen ich gern gegangen wäre. zwei davon gleich gestrichen, weil ich es meinem partner nicht mehr als einmal in der woche zumuten will, zwei kinder gleichzeitig zu bett zu bringen. das dritte fest eingeplant. mit baby (is mir jetz auch egal was die anwesenden denken werden. ich kann den kleinen noch nicht über vier stunden abends alleine lassen und durch die stadt fallen hin und zurück schon mal 2 stunden fahrzeit an).

    am tag zuvor impfen. baby extrem schlecht drauf. kann ja heiter werden. noch vor dem frühstück: jemand verlinkt in der veranstaltungsankündigung auf der mailingliste einen maskulinistenverein. das kann _wirklich_ heiter werden. abends dann gewitter. es gießt in strömen. schleife ich jetzt das baby durch die ganze stadt im strömenden regen auf eine veranstaltung, die es nicht die bohne interessiert, in eine potentiell feindselige umgebung? beschließe, babys recht auf kuschliges zuhause hat vorrang vor mamas politischen engagement.

    mal sehen, wie die nächste woche aussieht.

    • „…,weil ich es meinem partner nicht mehr als einmal in der woche zumuten will, zwei kinder gleichzeitig zu bett zu bringen…“
      Wieso wollen Sie es Ihrem Partner nicht zumuten?

  6. Hmmm… ich glaube ja gerne, dass das Problem so wie beschrieben existiert.

    Persönlich kann ich es nicht beantworten, da ich keine Kinder habe.

    Allerdings nehmen in meinem Arbeitsumfeld (öR Rundfunk) alle Männer, die Kinder mit ihrer Partnerin haben, Elternzeit und teilen sich die Erziehung mit ihren Partnerinnen, die allesamt auch berufstätig sind.

    In einem Fall, wo beide bei meinem Arbeitgeber beschäftigt sind, arbeitet die Frau Vollzeit, er nur 70%…

    Das Problem mag also existieren, ist aber nicht systemimmanent.

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